Lebenswerk
Als „Aufschneider“ seine Berufung entdeckt

Johannes Grau hat mit seinen Schnittmodellen Einblicke in komplizierte Technik ermöglicht. Nun geht der ehemalige Notzinger in Nürtingen in den Ruhestand. Doch was passiert mit seinen Schätzen? 

Johannes Grau hat in seinem Leben schon viele Schnittmodelle gebaut. Für sein Geschäft hat er keinen Nachfolger gefunden. Was passiert deshalb mit all seinen Geräten? Foto: Ralf Just

Johannes Grau mag keine halben Sachen. Also, eigentlich schon, aber nicht im übertragenen Sinn. Im Jahr 1986 hat der 70-Jährige sein erstes Schnittmodell gefertigt, um für Menschen komplizierte Technik so anschaulich wie irgendwie möglich darzustellen. Viele, viele weitere Modelle sind bis heute dazugekommen. Derzeit arbeitet Johannes Grau noch die letzten Aufträge ab. Dann soll Schluss sein. Die Firma gibt es zwar noch, die Geschäftsräume in Notzingen hat er aber schon aufgegeben: „Mit 70 Jahren reicht es auch langsam“, sagt er. Einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für seine Firma hat der Tüftler, der gern mit den Händen arbeitet, nicht gefunden. 150 Modelle hat er noch zu Hause: „Sie sind in Kisten verpackt.“ Eigentlich sei das schade, sagt Johannes Grau, der jetzt in Nürtingen wohnt. 

 

Wasseruhr als Kunstinstallation?

Viele seiner Modelle lassen sich problemlos transportieren und am gewünschten Ort aufstellen und aufbauen. Wenn dann noch der Strom fließt, kommen Bewegungen und Lichteffekt dazu. „Es muss sich etwas drehen“, sagt Johannes Grau. Da ist zum Beispiel eine typische Wasseruhr, die leuchtet knallgrün und das bietet einen Kontrast zum sich drehenden roten Ventil im Innern des Rohrs. Doch der Clou ist eben, dass Johannes Grau diesen Blick ins Innere erst ermöglicht und beinahe künstlerisch gestaltet. Direkt daneben steht eine türkisfarbene Nähmaschine. Wer sich schon immer gefragt hat, welche mysteriösen Kräfte im Innern solch einer Wundermaschine wirken, hier sieht es die fleißige Näherin. Auf einer Fensterbank hat Johannes Grau das Schnittmodell einer Metabo-Stichsäge gestellt. Und was ist noch alles zu sehen? Zum Beispiel ein Vier-Zylinder-Motor. 

„Ich habe den Röntgenblick“, sagt der Tüftler lachend. Dieser Blick hilft natürlich weiter, wenn man Dinge zerschneidet, um technische Vorgänge auch Laien verständlich näherzubringen. „Zuerst wird das Gerät komplett zerlegt. Dann überlege ich, welche Teile wirklich bleiben müssen“, sagt Johannes Grau. Seine Schnittmodelle sind kleine Wunderwerke, die auch ein gutes Anschauungsmaterial für Auszubildende für technische Berufe bieten. Deswegen gehörten auch die Berufsschulen zu seinen Stammkunden. Aber auch Firmen wie Stihl oder Honda entdeckten schnell, dass Kunden und Mitarbeiter sehr gern den Durchblick bei der Technik haben wollen.

 

Wer zersägt schon ein Motorrad?

Johannes Grau hat sich schnell zu einem Meister seines Fachs entwickelt. Auch Motorräder und sogar Autos waren nicht vor seiner Kunst sicher. Als „Aufschneider“ titulierte ihn das Fachmagazin „Motorrad“ im Jahr 2023. In einer Reportage erklärte er in allen Details, wie er eine KTM 1290 Super Duke in zwei Teile schnitt. In dem Fall ging es weniger um Technik-Unterricht, sondern um ein Kunstprojekt. Den Auftrag hatte die Berliner Professorin Alexandra Bircken erteilt. Das zweigeteilte Motorrad war schließlich Teil der Ausstellung „Impossible“ im Museum Frieder Burda. Es war nicht die erste Zusammenarbeit der beiden. Bereits im Jahr 2021 musste eine Aprilia RSV4 1100 dran glauben. Ein überaus schwieriges Unterfangen, wir berichteten. Es brauchte vier Wochen und 250 Stunden Arbeit, bis endlich das „Riesenfitzelgeschäft“ (O-Ton Johannes Grau) abgeschlossen war. Eine Nummer größer geht es natürlich immer und so steht heute noch in der Tiefgarage der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule ein Honda Accord, der ganz viele Einblicke ermöglicht. Mit seinen Mitarbeitern hat Johannes Grau ihn im Jahr 2006 geöffnet. Das Ergebnis, das unter anderem einen Blick in den Motorraum, die Federung der Hinterachse und den Aufbau der hinteren Sitzreihe ermöglichte, hatte damals auch den japanischen Autobauer begeistert.

Die Leidenschaft fürs Aufschneiden entdeckte Johannes Grau Anfang des Jahres 1986. Damals war der gelernte Kfz-Mechaniker Inhaber eines Motorradladens in Neuffen und, so schreibt es Grau selbst auf der Internetseite, schob eine eher ruhige Kugel: „Es bewegte sich nichts.“ So entschloss er sich schließlich, die lang gehegte Idee eines Schnittmodells in die Tat umzusetzen. Auch, weil es immer wieder Beschwerden über Motorschäden bei den Motorrädern gab. Doch wie sollte man einem Laien erklären, wie es zu diesen Schäden kommt und wie man sie vermeiden kann? Also schnitt Grau einen Minarelli-Motor so geschickt auf, dass die beweglichen Teilchen auch beweglich blieben – und hatte eine neue Berufung gefunden, die sein Hauptberuf werden sollte.

Eines der Schnittmodelle von Johannes Grau in seiner Notzinger Werkstatt: das Brennstoffzellenauto Toyota Mirai. Archivfoto: Jean-Luc Jacques

150 dieser Exponate sind noch in seinem Besitz. Doch derzeit verstauben die Schnittmodelle in einer Halle. Johannes Grau würde das gern ändern. Daher sucht er einen Käufer für die Sammlung. „Ich würde das ungern auseinanderreißen“, sagt der Tüftler. Die Formen und Größen sind unterschiedlich. „Das schwerste Exponat wiegt 350 Kilogramm“, schätzt Johannes Grau. In einer „solch geballten Form“ gebe es das nirgends. An jedem einzelnen Schnittmodell hat Johannes Grau mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bis zur Perfektion getüftelt: „Wenn es läuft, das war meine Belohnung.“ Der Technikfreund war erst zufrieden, wenn es dem Betrachter wirklich tiefe Einblicke in eine komplizierte Technik ermöglichte. Es musste also leuchten und sich etwas bewegen. Wenn er auf Messen war und seine Wunderwerke präsentierte, dann seien viele Besucher bei ihm stehen geblieben, erzählt Johannes Grau. Eben, weil sie etwas Einzigartiges zu sehen bekommen haben.

 

Noch keinen Ort gefunden

Er kann sich auch sehr gut vorstellen, dass seine Schnittmodelle für Ausstellungen ein Gewinn wären. Eine konkrete Idee hat er schon: „Wie wäre es denn mit Kunst trifft Technik?“ Einige Anläufe hat er schon genommen, doch eine passende Örtlichkeit hat Johannes Grau bislang nicht finden können. Museen hätten bislang eher abgewinkt. Doch Johannes Grau gibt die Hoffnung nicht auf. „Wir sind doch in Baden-Württemberg die Wiege der Erfinder“, sagt er. Doch das gerate immer mehr in Vergessenheit. Seine Schnittmodelle zeigen und erklären, welche Ideen die Tüftler hierzulande schon alles hatten. „Das sind doch alles lebende Zeugnisse unserer Ingenieurs- und Fertigungskunst“, sagt Johannes Grau und fügt hinzu: „Die gehören nicht in Kisten, sondern in die Öffentlichkeit.“