Sagen der Region
Ausflugstipp: Eine Hofdame verhilft einem Wein zu Ehren

Unterhalb der Yburg in Stetten im Remstal liegt eine der ältesten und berühmtesten Weinlagen Württembergs – das „Stettener Brotwasser“. Wie der dort angebaute und gekelterte Riesling zu seinem Namen kam, ist Teil einer Sage. 

Blick auf Stetten unterhalb der berühmten Weinlage. Fotos: Jörg Bächle

Im 17. Jahrhundert ersann eine Hofdame eine List: Den Krug, der eigentlich zum Aufweichen des oft harten Brotes gedacht war, ließ sie mit Wein füllen. So konnte sie ihr Brot in edlem Tropfen tränken und zugleich ihren Weinkonsum verbergen. Der Wein erhielt daraufhin den Namen „Brotwasser“. Erstmals erwähnt wurde die Geschichte 1752 vom herzoglichen Archivar Christian Friedrich Sattler. Schon damals war der edle Tropfen beim Adel äußerst beliebt.

Eine der besten Riesling-Lagen

Das Stettener Brotwasser gilt bis heute als eine der besten Riesling-Lagen des Landes Baden-Würt­temberg. Seine Sandstein-Terrassen liegen direkt unterhalb der Ruine Yburg – dort, wo im Remstal der Schnee stets als Erstes schmilzt. Die Weinlage gehört zur Hofkammer des Hauses Württemberg und ist in der VDP-Qualitätspyramide als „Große Lage“ klassifiziert. Der dort gekelterte Riesling wird als lebendig, mineralisch und fruchtbetont beschrieben – mit Noten von Pfirsich und Aprikose sowie einer gut eingebundenen Säure – und er hat seinen Preis.

Beliebtes Fotomotiv für Zweiradfahrer: das Tor zum Remstal mit Stetten im Hintergrund.

Geschichte des legendären Weins

Der Stettener Kulturwissenschaftler Andreas Fitzel wunderte sich, dass es über die berühmte Weinlage kaum Literatur oder wissenschaftliche Arbeiten gab. Mit Unterstützung des Kernener Heimat- und Kulturvereins verfasste er nach intensiver Recherche den 100-seitigen Band „Stettener Brotwasser – Geschichte(n) eines legendären Weines“, der seit 2019 im Buchhandel erhältlich ist. Akribisch wertete er sämtliche verfügbare Primärquellen aus und beantwortete viele offene Fragen. Das Buch ist nicht nur informativ, sondern auch spannend geschrieben: Es erzählt von „Mätressen und Intrigen, Schlössern und Festen, Krieg und Frieden, Liebe und Macht“.

Die Yburg inmitten der Weinberge

Die Heimat der Sage ist Stetten im Remstal, das mit dem Weinweg rund um die Yburg wirbt. Das Wahrzeichen des Kernener Teilorts wurde um 1310 von den Truchsessen von Stetten und ihren Vettern von Y-Berg errichtet. Die von Weinbergen umgebene ehemalige Wohnburg wurde nicht auf einer Anhöhe, sondern in den Hang hinein gebaut. Der ursprüngliche Name des Gebäudes lautete Eibenburg. Dieser wandelte sich allmählich über Yberg zur heutigen Bezeichnung Yburg. Hans von Yberg verkaufte sie 1443 mitsamt seinem Anteil am Dorf an das Haus Württemberg. Die 1598 als baufällig beschriebene Burg wurde 1659 instand gesetzt und erhielt ein viertes Stockwerk. Auf Befehl des Herzogs Carl Eugen von Württemberg wurde die Burg­anlage 1760/61 bis auf die heute noch sichtbaren Außenwände abgerissen.

15 Bronzeplastiken des Künstlers KarlUlrich Nuss in und um die Yburg locken Kunstliebhaber aus ganz Deutschland auf die Halbhöhenlage.

1969 kaufte die Gemeinde Stetten im Rems­tal die Yburg vom Haus Württemberg und machte sie der Öffentlichkeit zugänglich. Seit April 2011 wird die Yburg wieder bewohnt: 15 Bronzeplastiken des Künstlers Karl-Ulrich Nuss, die an dieser exponierten Stelle für ein besonderes Kunsterlebnis sorgen, locken Kunstliebhaber aus ganz Deutschland auf die Halbhöhenlage.

Kultur, Wein und Freizeitgenuss

Heute bildet die Yburg in den Sommer- und Spätsommermonaten eine eindrucksvolle Kulisse: Hier finden der Kulinarische Weinweg, Kleintheateraufführungen und die traditionelle Weinprobe der Stettener Weingärtner statt.

Für Familien ist die „Herzogliche Kugelbahn“ ein besonderes Highlight. Die über 800 Meter lange XXL-Murmelbahn verläuft auf rund 1,5 Kilometern am Stettener Rundweg. An 25 Spielstationen werden Themen wie „Wald“, „Weinbau“ und „Kernen und das Haus Württemberg“ kindgerecht vermittelt. Passende Holzkugeln erhält man am Automaten gegen Einwurf einer 50-Cent-Münze.

Der zweieinhalb Kilometer lange Weinweg erzählt über jeden angebauten Wein eine Geschichte.

Anreise und Tipps

Parkmöglichkeiten für Besucher des „Stettener Brotwassers“, des Weinwegs, der Yburg und der Kugelbahn gibt es in Stetten beim Neuen Friedhof, an der Weinstraße oder in der Ortsmitte. Die Anfahrt mit dem Pkw erfolgt über den Plochinger Stumpenhof entlang der Römerstraße, vorbei am Jägerhaus bis zum „Tor ins Remstal“.

Radfahrer sollten beachten: Die Route über Lobenrot durch den Wald hinab in die Weinberge ist nur mit geländetauglichen Mountainbikes befahrbar. Steile Abfahrten und grober Schotter verlangen viel Fahrkönnen. Hier sollte man Alternativen wählen.

Das Stettener Brotwasser verbindet auf einzigartige Weise Sage, Geschichte und Spitzenweinbau. Die Yburg und ihre Umgebung bieten zudem Kultur, Kunst und Naturerlebnisse für Groß und Klein. Wer Genuss, Geschichte und Landschaft gleichermaßen schätzt, findet hier ein lohnendes Ausflugsziel im Herzen des ­Remstals.

Die Gemeinde Stetten wirbt im Ort für Weinweg und Winzer.

 

Sagen der Region, Folge 15: Stettener Brotwasser

Einer alten Erzählung zufolge soll der Name dieses Weines wie folgt entstanden sein: Im 17. Jahrhundert ersann eine residierende Hofdame eine List. Sie ließ sich den Krug, der für das Brotwasser (zum Aufweichen des oft harten Brotes) bestimmt war, mit Wein füllen. So konnte sie mit gehaltvollem Getränk ihr Brot anfeuchten und doch ihren Weinkonsum vor der Öffentlichkeit verbergen. Weil aber die Bediensteten nun, um den Krug zu füllen, nicht mehr zum Brunnen, sondern in den Keller liefen, blieb diese List nicht lange verborgen. Der Wein bekam daraufhin den Namen Brotwasser. Der herzogliche Archivar Christian Friedrich Sattler hat die Geschichte 1752 erstmals erwähnt. In einer Inventarliste aus dem Schloss Stetten von 1713 ist der bislang älteste Jahrgang des Brotwassers aus dem Jahre 1704 erwähnt. Wahrscheinlich wurde dieser aber bereits vorher angebaut. Der Wein war ursprünglich beim Adel sehr beliebt und wurde zeitweise sogar als eine Art eigene Qualitätsstufe angesehen.