Zwillingsphänomenen geht die aktuelle Ausstellung des Kirchheimer Kunstvereins in der Galerie Diez nach. Thematisch eine Steilvorlage, denn die Moderne ist von Zwillingen bevölkert. In der Literatur der Romantik taucht der Doppelgänger auf. Entfremdung und Zerrissenheit verleiht er seine unheimliche Gestalt. Doch was damaligen Lesern noch wohlige Schauer über den Rücken jagte, hat die Gegenwart längst überboten. Dem digitalen Zwilling ist nicht mehr an Heimsuchung gelegen. Ihm ist es egal, ob sein Gegenstück in der realen Welt überhaupt existiert. Das wirft Fragen auf. Wie ist das spezielle Band beschaffen, das Zwillinge verbindet? Und in welcher Form findet sich der Zwilling im anderen wieder?
Wechselseitiges Band
Fragen, die auf künstlerischer Ebene fruchtbar verhandelt werden können. Denn sie führen direkt in den Prozess ästhetischer Erfahrung. Auch Kunstwerk und Betrachter sind durch ein wechselseitiges Band verflochten. Das Kunstwerk begegnet dem menschlichen Blick, sendet eigene Impulse zurück und macht die Rollen von Subjekt und Objekt austauschbar. Zur Kunst wird das museale Artefakt letztlich dann, wenn die Betrachter etwas von sich selbst darin wiederfinden. Zwillingsphänomene rühren somit am Grund dessen, was Kunsterfahrung ausmacht. So ist es nur konsequent, dass die Gruppenausstellung keine einfachen Lösungen sucht, sondern die Bandbreite dessen erahnen lässt, was die Thematik zu bieten hat.
Nicht weniger als 35 Kunstschaffende haben sich beteiligt. Zwillinge als Polaritäten – physisch wie moralisch – stehen architektonischen Phänomen gegenüber. Während die gigantischen Petronas Towers in Malaysia der Dualität ein himmelstürmendes Symbol setzen, sind die New Yorker Twin Towers unweigerlich mit der Geschichte ihrer Zerstörung verbunden. Gefallene Zwillinge, die zur Reflexion über das Verhältnis wirtschaftlicher Dominanz und terroristischer Gewalt anregen. Andere Exponate nutzen die Doppelung, um den Blick fürs Individuelle zu schärfen: Sind Zwillinge wirklich gleich oder nur ähnlich? Immer wieder begegnen organische Sinnbilder: Gemeinsame Wurzeln erlauben es, eigene Wege zu gehen. Die Galerie Diez erweist sich als belebender Raum für Kunst und Betrachter. Unweigerlich treten die Werke in Dialog, knüpfen ein Geflecht von Beziehungen, das den Gehalt der Exponate erweitert.
Info Gelegenheit, den Zwillingsphänomenen nachzuspüren, besteht bis 29. September in der Galerie Diez samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr.

