In der S-Bahn-Werkstatt in Plochingen steht sie, die S-Bahn in neuem Design. Die Außenlackierung in weiß-blau-gelb kennen etliche Fahrgäste schon. Doch es kommt eine Menge neuer Technik in die Züge. Und der Komfort für die Mitfahrer steigt ebenfalls.
215 S-Bahnen werden insgesamt umgerüstet, teilt Alexander Linse, verantwortlich für die Neuausstattung der S-Bahnen, mit. 2019 kam er zur Deutschen Bahn, um dieses Projekt in Angriff zu nehmen. Der Umbau der Züge findet jedoch nicht in Plochingen statt, sondern an vier Umbaustandorten in Deutschland und Frankreich, die größere Kapazitäten für solch eine Mammutaufgabe haben. Drei bis vier Wochen pro Fahrzeug werden benötigt, bis die Züge im neuen Design zur Verfügung stehen, berichtet Linse.
200 Millionen Euro Kosten
Für die neue Ausstattung der Züge haben DB und der Verband Region Stuttgart, in dessen Auftrag die S-Bahnen fahren, den Verkehrsvertrag angepasst. Der beinhaltet auch die Finanzierung von 56 neuen Fahrzeugen. 200 Millionen Euro kostet das Re-Design.
Dafür allerdings wird es einige andere technische und bauliche Neuerungen geben. Beispielsweise Monitore, die zur besseren Sichtbarkeit für die Fahrgäste an den Decken montiert sind. Und hier gebe es nicht nur eine Übersicht über die nächsten Haltestellen. Zukünftig sollen auch Reiseinformationen der Deutschen Bahn in die Züge übertragen werden, wie Thorsten Fritz, Fachreferent für Fahrgastinformationen, sagt. Zum Beispiel könnten auch Störungen auf der Strecke angezeigt werden. „Nicht dass wir das wollen“, scherzt Fritz, „aber wenn wir es müssen, können wir es“.
LTE-basierte Technik
Wenn also die Infrastrukturgesellschaft der Deutschen Bahn, Infrago genannt, kurzfristig eine Baustelle anberaumt, erfährt das der Fahrgast künftig schon im Zug. Die neu eingebaute Technik, die LTE-basiert ist, macht dies möglich. Davor habe es lediglich einen USB-Anschluss gegeben, über den der Jahresfahrplan des jeweiligen Zuges aufgespielt wurde. Kurzfristige Änderungen konnten hier nicht eingespeist werden.
Auch Änderungen im Busverkehr des VVS werden künftig angezeigt. Beispielsweise, wenn ein Bus später abfährt oder ein Busfahrer bereit sei, auf einen Zug zu warten, erfahre dies der Fahrgast künftig schon in der S-Bahn.
Wo gibt es in der S-Bahn noch einen freien Sitzplatz? Das konnte früher zu einer wahren Odyssee durch pickepackevolle Waggons führen. Auch diese Zeiten sollen nun vorbei sein. Zwei über der Tür installierte Kameras ermitteln, wie viele Fahrgäste ein- und aussteigen. Und errechnen dadurch, in welchem Waggon noch Sitzplätze verfügbar sind. Wenn Menschen in weniger ausgelastete Wagen einsteigen, können Züge schneller abgefertigt werden und pünktlicher abfahren, so die Hoffnung.
Innenraum neu strukturiert
Neu ist außerdem ein eigener Lautsprecher pro Türe. Wenn also künftig Menschen in der Lichtschranke stehenbleiben und so die Abfahrt der Züge verzögern, kann der Zugführer sie direkt ansprechen, ohne dass der ganze Zug mithört.
Neu strukturiert ist der Innenraum der Züge. Mehr Platz für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen gibt es im vorderen Teil des Zuges. Zudem gibt es zwei wahrhaft luxuriöse Zonen für Radfahrer. Vor und hinter jedem dieser beiden Fahrradzonen ist ein Ausstieg. Wo im Zug sich diese Abteile befinden, erkennt man ganz leicht an der blauen Außenlackierung. So muss man nicht das Fahrrad an anderen Fahrgästen durch den halben Zug manövrieren. An beiden Seiten des Fahrradabteils gibt es Klappsitze, bequem gepolstert und deswegen viel komfortabler als jene, die seither eingebaut waren. Und in der Mitte ist eine Insel, an die man einerseits sein Fahrrad anketten kann. Sind keine Fahrräder in diesem Abteil, dient die Insel aber auch als abgepolsterter Stehplatz. Für die Fahrradzonen fallen pro Fahrzeug 40 feste Sitzplätze weg. Dafür kommen 30 Klappsitze hinzu. In Summe haben also die neu gestalteten S-Bahnen zehn Sitzplätze weniger.

Autonomes Fahren geplant
Ausgestattet werden die S-Bahnen auch mit ETCS, dem Eletronischen Zugkontrollsystem. Der Vorteil: Es funktioniert ganz ohne die herkömmliche Signaltechnik. Indes, vorerst wird es das System lediglich auf der Stammstrecke in Stuttgart geben. Für den Ausbau auch in den Außenbereichen der S-Bahnen in der Region Stuttgart ist das Geld noch nicht freigegeben. Die S-Bahnen, die bis Wendlingen, Kirchheim und ab 2027 auch nach Oberboihingen und Nürtingen unterwegs sind, müssen sowohl mit der herkömmlichen Signaltechnik als auch mit dem neuen elektronischen Kontrollsystem ausgestattet werden.
Thorsten Bomke von der Firma Alstom gab einen Ausblick in die Zukunft. Denn in den 2030er Jahren soll es autonomes Fahren auch auf der Schiene geben. In Frankreich, wo Bomke lebt, hätten dazu schon einige Testfahrten stattgefunden. Warum braucht man diese Technik? „In den nächsten Jahren werden viele Triebwagenführer in Rente gehen. Nachwuchs zu finden, ist jedoch nicht so einfach. Gleichzeitig soll aber die Transportkapazität erhöht werden.“ In der Region könnte eine erste Pilotstrecke die Filderbahn sein.

