Sebastian Vettel hat Geduld und ist genau. Der vierfache Formel-1-Weltmeister schüttet noch die letzten Reste aus dem Samentütchen auf den kleinen Erdhaufen. Der wiederum liegt vor ihm auf einem Stück Leinen. Dann legt er die Enden des Tuches zusammen. „Komm, wir machen das gemeinsam“, sagt er zu Maja und Cara, die neben ihm an dem Tisch stehen. Und schnell ist das Säckchen mit einer Schnur zugeknotet. Teamarbeit eben. Anschließend hilft Vettel auch Mona und Nele bei ihren Säckchen.
Geheimnis durfte nicht gelüftet werden
Mancher reibt sich am Dienstagnachmittag die Augen, der das Wiesenstück an der Beurener Straße passiert. Sebastian Vettel in Beuren: Wie ist das denn möglich? Mit seiner Karriere als Rennfahrer hatte das nur ein ganz klein wenig zu tun. Ein paar Beurener waren in den Besuch des Superstars schon vorab eingeweiht worden, mussten aber das Geheimnis für sich behalten. Denn schließlich sollten einige Kinder aus Beuren und Umgebung mithelfen, das Steinhabitat auf der Wiese zu gestalten und auch mit einigen bunt bemalten Steinen zu verschönern. „Das Habitat ist bereits einen Tag vorher aufgestellt worden“, erklärt Bernhard Leitner, Kommunikationsmanager bei dem Frutura Obst & Gemüse Kompetenzzentrum aus dem österreichischen Hartl bei Kaindorf in der Steiermark. Der Steinhaufen soll Ameisen, kleinen Säugetieren oder Eidechsen einen Lebensraum bieten. Er besteht aus Steinen, Totholz, Pflanzen und eben den genannten Samensäckchen. Und es gibt eine Verbindung zur Formel 1: Das Steingebilde hat eine Helmform.

Größter Vermarkter von Obst und Gemüse
Doch warum engagiert sich eine Firma aus Österreich für den Artenschutz in Deutschland und warum tut sie das ausgerechnet in Beuren? Da kommt der österreichische Landwirt Manfred Hohensinner ins Spiel, der ebenfalls am Dienstagabend auf der Wiese zugegen war. Gemeinsam mit seinen Partnern Hans Schwarzenhofer und Franz Städtler ist er ein Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit: Die Idee: Durch Geothermie haben er und seine Mitstreiter die Produktion von heimischem Gemüse in den Wintermonaten revolutioniert. Das Unternehmen Frutura ist heute der größte Vermarkter von Obst und Gemüse in Österreich. Hohensinner ist aber nicht nur Gesellschafter von Frutura, sondern eben auch der Initiator von BeeWild. Dabei geht es um das Anlegen von Bienenweiden. In Österreich sind diese Bee-Wild-Lebensmittelprojekte schon gang und gäbe. „Wenn für jeweils zehn Hektar Anbaufläche ein Hektar Bienenweide entsteht, gibt es dafür das Bee-Wild-Siegel“, erklärt Leitner. Damit sollen Landwirte bei der Umstellung auf einen modernen und nachhaltigen Betrieb unterstützt werden. In Österreich ist das schon großflächig umgesetzt. In Deutschland hat man das Netzwerk Blühende Landschaft, eine Initiative von Mellifera, und ihren Leiter Matthias Wucherer als Partner für BeeWild gewinnen können. „Die Aktion in Beuren ist der Startschuss für die Initiative in Deutschland“, erklärt Leitner.
Auch die Dekra ist Partner
Und dafür hat BeeWild eine Wiese in der Nähe von Stuttgart gesucht. Schließlich haben sich die ganzen Partner am Mittwoch zum Bee-Wild-Artenschutzgipfel in der Landeshauptstadt getroffen. Die Beispielfläche sollte zudem im Netzwerk Blühende Landschaft drin sein und sie sollte nicht erst frisch angelegt sein. So fiel die Wahl schließlich auf die Ausgleichsfläche in der Nähe der Panorama-Therme. Der Gipfel fand in der Dekra-Hauptverwaltung statt, die ebenfalls eine Partnerschaft mit BeeWild pflegt. „Biodiversität und Artenschutz gehen uns alle an“, sagt Guido Kutschera, der für die Dekra-Geschäfte in Deutschland, der Schweiz und Österreich verantwortlich zeichnet.
Sebastian Vettel gehört zu den Arten-Schutzpatronen. „Er ist ein Botschafter der ersten Stunde“, sagt Hohensinner und lobt: „Er lebt das total.“ Der Kontakt sei beim Formel-1-Rennen im österreichischen Spielberg im Jahr 2021 zustande gekommen. Hohensinner hatte ihn überredet, eine Stunde bei ihm vorbeizuschauen. „Er blieb dann sechs Stunden.“
Rennfahrer erfüllt auch Autogrammwünsche
Und auch am Dienstagnachmittag nimmt sich der ehemalige Formel-1-Star Zeit – nicht nur für die Kinder. Geduldig erfüllt er Autogrammwünsche und posiert für Erinnerungsfotos. „Opa, ich hab’ ein Autogramm“, ruft ein Junge strahlend, und auch Vettel muss grinsen. „In Beuren bin ich leider noch nicht gewesen, aber oft auf der Autobahn dran vorbeigefahren“, sagt der 37-Jährige, der in der Schweiz wohnt und dort eine Weiterbildung zum Landwirt absolviert hat: „Ich bin durch und warte jetzt auf das Ergebnis.“ Er habe schon einige solcher Veranstaltungen gemacht, aber es sei immer wieder toll, wenn man Kinder begeistern könne.
Doch auch auf den Star warteten noch zwei Überraschungen. Zum einen hat Bauhofleiter Peter Böck das Goldene Buch der Gemeinde mit auf die Wiese gebracht. Bürgermeister Daniel Gluiber hält es dem einstigen Rennfahrer zum Unterschreiben hin. Besonders auffällig: die Blumenwiese mit Bienen am unteren Rand der Seite. „Das stammt von einer Künstlerin“, erklärt Bürgermeister Gluiber. Und dann ist da noch Harry. Falknerin Susanne Schade hatte ihn mitgebracht, und kurz sitzt er dann auch auf dem Arm von Sebastian Vettel. Der kleinen Eule dürfte der Besuch des Formel-1-Champions herzlich egal gewesen sein. Mancher Zweibeiner wird sich aber wohl noch länger daran erinnern. Wer kann schon später von sich sagen, mit einem echten Superstar Samensäckchen geschnürt zu haben?

