Kunst
Gefaltete Vielfalt

Aus einem Blatt Papier werden Skulpturen voller Rhythmus und Licht. Günter Habermanns Ausstellung in der Martinskirche feiert die Kunst der Falte – reduziert, bedacht und voller Vielfalt. 

Günter Habermann stellt seine Papierkunst in der Kirchheimer Martinskirche aus. Foto: Florian Stegmaier

Am Anfang steht das leere Blatt – leicht, verletzlich, voller Möglichkeiten. Doch Papier ist kein beliebiges Material, sagt Günter Habermann: „Es fordert mich heraus.“ Der Kirchheimer Künstler begegnet dieser Herausforderung in seiner Ausstellung „Vielfalt“ in der Martinskirche mit konzentrierter Ruhe und großem Respekt. Schon ein einziger Knick verändert alles: Aus Fläche wird Relief, Licht trifft auf Schatten, Linien schaffen Rhythmus. Es entsteht Ordnung – nicht als Selbstzweck, sondern als Beginn eines leisen Gesprächs zwischen Künstler und Material. Für Habermann ist das Falten weit mehr als Technik – es ist ein Prozess der Belebung. „Das Papier beginnt zu atmen“, sagt er, „wenn der Rhythmus einsetzt, wie ein Herzschlag.“

Was so zart klingt, verlangt höchste Konzentration. Denn jede Falte zählt – und lässt sich nicht rückgängig machen. Disziplin und Achtsamkeit sind daher essenziell. Habermanns Kunst entsteht ohne Netz und doppelten Boden, ohne Skizzen oder Kopien. Eine einzige falsche Bewegung kann alles zerstören – doch genau darin liegt ihre Freiheit. Günter Habermann ist ein Spätberufener – doch Papier begleitet ihn schon lange. Als Werbeleiter bei Behr-Möbel und später bei der Kreissparkasse arbeitete er eng mit Künstlern zusammen, vergab Kunstpreise und förderte Talente.

Das Papier beginnt zu atmen, wenn der Rhythmus einsetzt, wie ein Herzschlag.

Günter Habermann über seine Arbeit

Legendär ist seine Sammlung von Euroschecks, die er von über 200 Künstlern – darunter Andy Warhol und Joseph Beuys – mit Miniaturen gestalten ließ. Zum Falten kam er mit Mitte 70, als Freundschaftsdienst: Er übertrug HAP Grieshabers „Josephslegende“ in Zickzackfalz. Heute, zehn Jahre später, hat er darin eine Meisterschaft erlangt, die nicht dem Streben nach Perfektion, sondern der Demut gegenüber dem Papier geschuldet ist. Was als Geste begann, wurde zur künstlerischen Berufung – und zu einer Rückkehr zum Wesentlichen. In der Martinskirche wird diese Haltung greifbar. Seine Faltobjekte „entbreiten“ sich, wie Gerhard van der Grinten es einmal nannte, mit stiller Kraft im Raum – rhythmisch gegliedert, fast skulptural. Sie erinnern an Gewänder, Engelsgestalten oder architektonische Strukturen – aber sie erzählen nichts Konkretes. Sie deuten an, lassen offen, was gesehen werden will.

Besonderes Augenmerk verdient die Hängung der Exponate: Zwei mal sechs wesenhafte Faltgestalten gruppieren sich um eine zentrale, hell aufragende Figur. Die Assoziation zum letzten Abendmahl liegt nahe – und bleibt doch nur eine Spur. Habermanns Arbeiten verweigern die feste Deutung. Sie legen Fährten – mehr nicht. Wer will, darf folgen. Trotz aller Reduktion wirkt Habermanns Kunst nie streng. Der Wille zur Form verbindet sich mit dem Spiel der Falten. Keine starren Konzepte, sondern Offenheit für Möglichkeiten. Und so entfaltet sich aus der Fläche in den Raum ein stiller Dialog – zwischen Künstler und Material, zwischen Werk und Betrachter.

Die Ausstellung „Vielfalt“ in der Martinskirche ist noch bis Sonntag, 3. August, zu sehen. Der Erlös aus dem Verkauf der Werke kommt der Spendensammlung für das Glockenspiel der Martinskirche zugute.