Pilotversuch
Grundschule funktioniert auch ohne Noten

Seit drei Jahren läuft ein Test des Landes. Daran sind auch die Grundschulen in Raidwangen und die Ludwig-Uhland-Schule in Wendlingen beteiligt. Das Fazit fällt ausgesprochen positiv aus. 

Sind vom Konzept Grundschule ohne Noten voll überzeugt (von links): Kathrin Mayer, Rektorin der Grundschule in Raidwangen, und ihre Kolleginnen Ursula Stelzer, Stefanie Schulze und Sina Maier. Foto: pr

Für Lehrerin Stefanie Schulze ist es einer ihrer Lieblingsmomente im Unterricht. Dann, wenn Kinder gelernt haben, sich selbst einzuschätzen und auf die Frage, ob sie den Lerncheck machen wollen, sagen: „Ich glaube, ich übe noch mal und mache ihn nächste Woche.“ 15 von 20 Kindern wollten ohnehin den Test sofort machen: „Kinder wollen schließlich zeigen, was sie können.“ Das ist gut, doch es ist eben auch eine Leistung, dass Schülerinnen und Schüler wissen, dass

Der Stressfaktor ist ohne Noten deutlich reduziert.

Rektorin Regina Bönisch

sie beispielsweise die Uhr noch nicht verstanden haben und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. „Das ist einfach wunderbar“, sagt Schulze.

Wer sich mit ihr und Rektorin Kathrin Mayer im Lehrerzimmer unterhält, der sitzt zwei Pädagoginnen gegenüber, die voll und ganz hinter einem vierjährigen Pilotversuch des Landes Baden-Württemberg stehen, an dem sich die Grundschule in Raidwangen seit dem Schuljahr 2022/2023 beteiligt. Dieser trägt den etwas sperrigen Titel „Lernförderliche Leistungsrückmeldung in der Grundschule“. Deutlich bekannter ist das Projekt unter dem Namen „Grundschule ohne Noten“. Die Idee ist nicht neu, bereits 2013/2014 hatten zehn Grundschulen erste Erfahrungen damit gesammelt, bis die damalige Kultusministerin Susanne Eisenmann das Projekt 2017 kurzerhand stoppte. Eine Auswertung der Ergebnisse war damals jedoch nicht möglich. Das läuft nun besser. So hat es auch die amtierende Kultusministerin Theresa Schopper versprochen.

Die Lehrerinnen der Raidwanger Schule, dazu gehören auch noch Ursula Stelzer und Sina Maier, stehen im regen Austausch mit den anderen Grundschulen, die beim Pilotversuch mitmachen. Das Fazit nach drei Jahren: „Wir möchten nicht zur alten Form der Leistungsbewertung zurück“, bringt es Schulze auf den Punkt.

Sätze statt Noten

Doch wie werden denn jetzt die Schüler bewertet? Vorgegeben sind vier Sterne. „Das lässt sich aber nicht in Schulnoten umrechnen“, sagt Mayer. Viel lieber arbeiten die Lehrerinnen jedoch mit den Sätzen, die beschreiben, wie fit die Schülerinnen und Schüler im Umgang mit bestimmten Dingen sind und die aufeinander aufbauen. Sie lauten: „Daran musst du noch arbeiten“, „Du bist auf dem richtigen Weg“, „Das kannst du sicher“ und „Du bist ein Experte/Expertin“. In den sieben Fächern werden unterschiedliche Kompetenzen bewertet: „In Deutsch und Mathematik sind es mehr als in Sport“, erklärt Mayer. Ganz unten findet sich dann ein Feld für einen persönlichen Text an die Schülerin oder den Schüler. „Da steht dann, was er oder sie besonders gut kann. Das ist total individuell“, sagt Schulze.

Schon längst wird an den Grundschulen versucht, die Kinder individuell zu fördern. Kein Wunder, wenn die Unterschiede groß sind. Auf der einen Seite Jungen und Mädchen, die schon in der ersten Klasse lesen können, und auf der anderen Kinder, die kaum oder kein Deutsch sprechen. „Wir haben eine riesige Bandbreite von Begabungen“, sagt Schulze. Natürlich müsse man den Bildungsplan beachten, aber die Wege dorthin seien eben unterschiedlich. Das Problem bislang: Auch wenn der Unterricht extrem differenziert und individualisiert sei, habe es vor dem Pilotversuch eben immer eine Lernzielkontrolle mit Note gegeben. „Das hat sich nun grundlegend verändert“, sagt Schulze. Statt einer linearen Notenskala gibt es jetzt detaillierte Rückmeldungen, mit denen die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler besser abgebildet werden.

Eltern von Anfang an mit im Boot

Den Vorwurf, dass ohne Noten alles Larifari sei und die Anstrengungsbereitschaft schwinde, weisen Schulze und Mayer zurück. Das Gegenteil sei der Fall: „Das Niveau ist hoch und der Anspruch auch.“ Die Lehrerinnen haben von Anfang an die Eltern mit ins Boot geholt: „Entscheidend war die Transparenz“, sagt Mayer. Natürlich sei Skepsis da gewesen, aber man habe gleich zu Beginn das Angebot gemacht, jederzeit mit Fragen auf das Kollegium zukommen zu können. Man habe aber auch eine tolle Elternschaft und ein Kollegium, das vom Projekt begeistert ist. „Wir mussten uns erst in das neue System reindenken. Doch wir bekommen inzwischen viel zurück – und es funktioniert“, sagt die Schulleiterin. Und die Eltern erhalten viel genauere Rückmeldungen, was den Lernstand ihrer Kinder betrifft. Zwei Lernentwicklungsgespräche gibt es im Schuljahr. Nun wechseln die ersten Grundschüler ohne Noten im nächsten Schuljahr an die weiterführenden Schulen. Mit diesen hat Mayer natürlich im Vorfeld Kontakt aufgenommen: „Sie haben aber alle sehr positiv reagiert.“

In Raidwangen will man das Konzept weiterhin umsetzen, auch wenn es künftig wieder Noten geben sollte. Diese sieht man jetzt eher als „Störfaktor“, denn schließlich gehe es darum, dass sich jeder Schüler und jede Schülerin entsprechend seiner Möglichkeit in seiner Grundschulzeit bestmöglich weiterentwickelt.

Weniger Stress für die Schüler

An der Ludwig-Uhland-Schule (LUS) in Wendlingen hört sich die Bilanz nach drei Jahren Grundschule ohne Noten ganz ähnlich an. Die LUS ist eine Gemeinschaftsschule plus Grundschule. „Wir haben schon beim ersten Schulversuch mitgemacht“, sagt Rektorin Regina Bönisch. Auch wenn die Grundschule schon erste Erfahrungen mit dem Verzicht auf Noten gesammelt hat und das Modell an der Gemeinschaftsschule schon in manchen Jahrgangsstufen praktiziert wird, sei das „kein Selbstläufer“ gewesen: „Wir mussten da sehr intensiv zusammenarbeiten.“ Schließlich gehe es darum, detaillierte und ausführliche Lernentwicklungsberichte zu verfassen und immer wieder Gespräche mit Eltern und Kindern über die Lernfortschritte zu führen. Der Übergang in die weiterführenden Schulen sei auch ohne Noten klar geregelt: „Die Rückmeldungen sind bei uns viel detaillierter.“ Da habe man keine negativen Erfahrungen gemacht. Und auch die Motivation der Schülerinnen und Schüler sei keinesfalls geringer: „Sie wollen Leistung zeigen.“ Und der Satz „Ich kann das noch nicht“ sporne schließlich ebenfalls an. Insgesamt haben die ersten Ergebnisse der Evaluation schon gezeigt, dass die Kinder ohne Noten auf keinen Fall schlechter abschneiden als ihre Altersgenossen, die mit Zahlen bewertet werden. „Eine gute Botschaft ist aber, der Stressfaktor ist ohne Noten deutlich reduziert.“ Für Bönisch ist daher auch das Fazit eindeutig: „Wir wollen gern weitermachen und wir freuen uns sehr, dass es diesen Modellversuch gibt.“