Manchmal reicht eine Loch- und Nietenzange, um jemanden glücklich zu machen. Diese ist ebenfalls Bestandteil der Bibliothek der Dinge in der Nürtinger Stadtbücherei. „Ein Mann hat sich die Loch- und Nietenzange ausgeliehen, sich ein Loch in seinen Gürtel gemacht und die Zange gleich wieder abgegeben“, erzählt Inge Hertlein, Leiterin der Stadtbücherei, schmunzelnd.
Es gibt eben Dinge, die braucht man nicht so häufig, und da ist es besser, man kann sie sich einfach ausleihen und dann wieder zurückbringen. Das schont nicht nur den Geldbeutel, sondern auch die Umwelt. Das ist das Konzept hinter der Bibliothek der Dinge, die der Arbeitskreis Konsum der Nürtinger Klima-Taskforce zusammen mit der Stadtbücherei auf den Weg gebracht hat. Der Impuls kam von den Mitgliedern des Arbeitskreises. Herzstück ist ein Schrank mit 25 Fächern und einem Display. Er befindet sich im Vorraum der Stadtbücherei, ist rund um die Uhr zugänglich und videoüberwacht. „Nachts fährt nur für kurze Zeit die Software herunter“, ergänzt Hertlein.
Bibliotheksausweis genügt
Ganz unterschiedliche Utensilien befinden sich hinter den Glasscheiben, zum Beispiel ein Fahrradschloss, ein Akku-Multiwerkzeug, eine Partybox mit Lautsprechern und Mikrofon, Tonie-Testpakete, einen Laserentfernungsmesser, eine Töpferscheibe oder eine Nähmaschine. Wer diese ausleihen will, braucht nur einen Mitgliedsausweis der Stadtbücherei. Zuerst wird das gewünschte Produkt mittels der grünen Tasten ausgewählt, danach der Büchereiausweis vor das Display gehalten und das Passwort eingegeben. Dann öffnet sich die jeweilige Tür des Schranks und der Nutzer kann den Gegenstand an sich nehmen. Wenn die Tür des Fachs wieder geschlossen ist, wird das jeweilige Ding automatisch auf dem Konto des Nutzers verbucht. Wer will, kann sich noch eine Quittung drucken lassen.
Die Leihdauer beträgt zwei Wochen. „Damit jeder möglichst schnell zum Zug kommt“, sagt Hertlein. OB Johannes Fridrich machte gemeinsam mit ihr die Probe aufs Exempel. Kurz darauf hielt er einen Akku-Multiwerkzeug-Koffer in der Hand. „Es ist eine einfache, aber richtig gute Idee“, sagte der Rathauschef und sprach von einer „vorbildlichen Kooperation“ unterschiedlicher Partner.
50 Dinge hat die Bücherei im Angebot, aktuell passen zwei wegen ihrer Größe nicht in den Schrank. „Es handelt sich um einen Aktenvernichter und ein Laminiergerät.“ Die beiden Gegenstände sind in einem Regal in der Bücherei untergebracht. Welche Gegenstände verfügbar sind, lässt sich über den Online-Katalog der Stadtbibliothek herausfinden. Dort gibt es den Reiter „Bibliothek der Dinge.“ Bestückt wird der Automat durch die Mitarbeiterinnen der Stadtbücherei. „Wir schauen, dass der Schrank immer möglichst voll ist“, sagt Hertlein. Drei ehrenamtliche Helfer des Arbeitskreises kontrollieren die Funktionstüchtigkeit der Elektrogeräte und wenn etwas repariert werden muss, gibt es auch das Repair-Café der Maker-Community Nürtingen im Hintergrund.
Crowdfunding-Aktion
Das innovative Teilen-Projekt brauchte doch etwas Vorbereitungszeit. „Da benötigt man einen langen Atem“, sagt Hertlein. Ohne die Arbeitsgruppe der Klima-Taskforce hätte man das nicht geschafft. Und auch nicht ohne Sponsoren und eine Crowdfunding-Aktion, bei der die Baden-Württemberg-Stiftung für jeden gespendeten Euro noch einen drauflegte. Rund 30.000 Euro kostete der Schrank mit allem drum und dran. Im Oktober 2024 war der 24/7-Ausleihschrank im Welthaus einem Praxistest unterzogen worden. Zusätzlichen Schub hatten dem Projekt drei Studierende der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) verliehen. Sie untersuchten das Vorhaben in einer Studienarbeit wissenschaftlich und entwickelten ein Konzept, das speziell auf Nürtingen zugeschnitten war.
Die Mitarbeiterinnen der Stadtbücherei haben sich schon vor der offiziellen Eröffnung mit dem Schrank und der Software vertraut gemacht. Neuland ist das Ausleihen von Gegenständen aber für sie nicht, denn eine medienbezogene Bibliothek der Dinge gibt es in der Bücherei schon länger. Denn dort werden nicht nur Bücher, sondern auch Tonie-Boxen oder E-Book-Reader verliehen. Alle beteiligten Partner hoffen natürlich auf weitere Spenden, damit die Bibliothek der Dinge weiter wächst. „Die Wunschliste ist lang“, sagt Hertlein. Grundsätzlich sei es auch möglich, Geräte zu spenden, aber sie müssten natürlich tadellos funktionieren. Was als Nächstes angeschafft werden soll, darüber können die Nutzer selbst entscheiden. Fünf unterschiedliche Geräte stehen auf einer Tafel im Vorraum der Stadtbücherei derzeit zur Auswahl. Abgestimmt wird mit Klebepunkten. Nicht im Schrank landen werden aus Hygienegründen Geräte zur Nahrungsherstellung. Im neuen Jahr könne man die Geräte auch für einen bestimmten Zeitpunkt reservieren, ergänzt Hertlein.
Projekt hat Luft nach oben
Dass die Idee der Bibliothek der Dinge noch viel Entwicklungspotenzial hat, machte Andreas Berger vom Arbeitskreis Konsum deutlich: „Da ist noch viel Luft nach oben, die Bürger können ja auch Dinge untereinander teilen und Netzwerke bilden.“ Doch manchmal genügt eben ein kleiner Gegenstand wie eine Loch- und Nietenzange, um jemand glücklich zu machen. Und die Zange wartete am Samstagmorgen im Ausleihschrank auf weitere Einsätze.

