Mein Bild muss so spannend sein, dass die Betrachter innehalten“: Diesen Anspruch hat Sabine Fleischmann eingelöst. Ihr Ölgemälde „Superfood“ bannt den Blick und setzt die Reflexion in Gang. Kein Wunder, dass es beim Lesser-Ury-Kunstpreis der Künstlergilde Esslingen mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde.
Vorgabe des europaweiten Kunstwettbewerbs war die Einreichung eines „modernen Stilllebens“. Ein Thema, das bei der Künstlerin sofort Resonanz erzeugte: „Modern heißt: Alles ist in Plastik verpackt“. Das synthetische Material sorgt in Verbindung mit der altmeisterlichen Malweise für Irritation.

Spiel mit der Tradition
In ihrem preisgekrönten Werk schöpft die Holzmadener Künstlerin aus der reichen Tradition des Stilllebens, um Zeitkritik zu üben. Zur Verhandlung kommen drängende Fragen der Gegenwart: der Umgang mit Natur und Nahrung, die Bedeutung von Nachhaltigkeit und Recycling. „Ökologie ist so ein wichtiges Thema“, betont sie. „Viele Menschen blenden das aber aus.“ Ästhetische Bewusstseinsbildung ist gefragt. Das Spiel mit der Tradition rückt die Absurdität der Gegenwart ins Bild. Künden Käfer und Fliegen in barocken Stillleben vom Verfall der opulent drapierten Naturgaben, haben Boten der Vergänglichkeit in Fleischmanns Deutung keine Chance mehr. Denn dort hat längst der Kunststoff sein filigranes Bollwerk errichtet. Sinnlicher, oft erotisch gesteigerter Reiz der Naturformen tritt hinter deren Warenwert zurück. „Superfood“ tischt Produkte einer menschengemachten Natur auf: Grausam überzüchtete Erdbeeren neben einem allzu grünen Apfel, der sich als Artefakt aus Fernost ausweist. Die Nahrungsergänzungspillen im Vordergrund sind derart angereichert, dass sie von innen leuchten: „Wer die zu sich nimmt, hat keine Probleme mehr“, sagt die Malerin mit einem Augenzwinkern – und dieses ist typisch für Fleischmanns Kunst. „Humor öffnet die Tür zu ernsten Themen“. Eine Erfahrung, die sie im Zuge ihrer zahlreichen Ausstellungen immer wieder bestätigt fand.

Malerei als ethisches Plädoyer
Schon in ihrer Einzelausstellung im Kirchheimer Kornhaus führte sie eine in Aufruhr begriffene Natur vor Augen, die sich menschlichem Zugriff durch Flucht entzieht. Stille, eindringliche Gedächtnisbilder waren alten, teils verschwundenen Obstsorten gewidmet: Malerei als ethisches Plädoyer.
Sabine Fleischmann ist Mitglied im Württembergischen Kunstverein und im Künstlerbund Stuttgart. Vor ihrem Studium an der Freien Kunstakademie Nürtingen war die gelernte Grafikdesignerin als Illustratorin tätig. Ihre Arbeiten sind in privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten. Die nächste Station ihrer regen Ausstellungstätigkeit steht bereits fest: Die Künstlergilde Esslingen richtet ihrer frisch gebackenen Preisträgerin eine Einzelausstellung aus.
Aber wer war der Mann, dem der Preis gewidmet ist? Der Maler und Grafiker Lesser Ury (1861-1931) war einer der ersten deutschen Künstler, die sich mit der Licht- und Farbenwelt der Impressionisten auseinandersetzte. Seine atmosphärischen Großstadtbilder legen davon Zeugnis ab. Er malte Landschaften und Stillleben, ebenso biblische Monumentalbilder. In der Künstlergruppe „Berliner Secession“ war er Ehrenmitglied. Dort traf er auf seinen Intimfeind Max Liebermann. Zahlreiche Anekdoten belegen das angespannte Verhältnis beider Maler zueinander. Urys neuartige Behandlung des Lichts blieb lange verkannt. Auch seine meisterhaften Stadtlandschaften fanden spät öffentliche Anerkennung. Obwohl Urys künstlerische Bedeutung längst außer Frage steht, sind seine Werke nicht so bekannt, wie sie es verdient hätten.
Das meint auch Eva Beylich. Die stellvertretende Vorsitzende der Künstlergilde Esslingen hat den Lesser-Ury-Kunstpreis ins Leben gerufen: „Wir haben Ury als Namensgeber gewählt, weil wir seine Malweise schätzen. Den meisten Kunstinteressierten ist er aber weniger bekannt“. Dem soll der neu geschaffene Kunstpreis Abhilfe schaffen.
Die Künstlergilde kann auf eine 75-jährige Geschichte zurückblicken. Zu ihren Mitgliedern zählen der kürzlich verstorbene Stuttgarter Professor Moritz Baumgartl oder der Konzeptkünstler Andreas Pregler. Die Gilde vergibt zudem Preise für Literatur und Musik. Dieses Jahr zeichnet sie den Literaturhistoriker Edward Bialek mit dem Andreas-Gryphius-Preis aus. Im Schulterschluss mit dem Esslinger Kulturamt vergibt sie den Lenau-Preis für Lyrik. Das Vereinsleben beruht auf ehrenamtlichem Engagement. Daher sind neue Mitglieder willkommen. Auch der „LURI“, wie der Lesser-Ury-Preis vereinsintern liebevoll genannt wird, hat Beylich zufolge noch Potenzial: „Wir suchen Sponsoren, damit wir den Preis dotieren können.“
Weitere Informationen zur Künstlergilde findet man unter www.kuenstlergilde.eu
Die Eröffnung der Ausstellung findet am 3. Oktober um 11 Uhr in den Räumen der Künstlergilde in der Küferstraße 37 in Esslingen statt.

