Wer die neue Ausstellung im Oberlenninger Schlössle betritt, erlebt eine beeindruckende Vielfalt: motivische Fülle, Reichtum literarischer Bezüge und vor allem die schier unerschöpfliche Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten, die Ursula Kirchner dem Scherenschnitt abgewonnen hat. Die 2014 verstorbene Stuttgarter Künstlerin zeigt sich als Meisterin eines Mediums, das sie zur eigenständigen Kunstform vervollkommnete.
Ursula Kirchner wurde 1931 in Stuttgart geboren. Schon als Kind fertigte sie Scherenschnitte. Ihre Mutter regte sie an, ohne Vorzeichnung und stets aus einem Stück zu arbeiten. Eine Arbeitsweise, die Kirchner ihr Leben lang beibehielt und virtuos kultivierte.
Als Ehepaar Kunst gestalten
In den 1970er-Jahren begann sie, ihre Arbeiten öffentlich zu zeigen. Seit der ersten Ausstellung 1975 wuchs ihr Werk kontinuierlich: Pflanzenzyklen, Märchenillustrationen, biblische Themen, literarische Motive von Christian Morgenstern, Hans Christian Andersen, Christian Wagner oder Ovid – stets sorgfältig komponiert, mit der unverkennbaren Leichtigkeit des unmittelbaren Schneidens. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Otto Kirchner – der Passepartouts fertigte, rahmte, archivierte und katalogisierte – entstand im Lauf der Jahrzehnte ein umfangreiches Œuvre.
Thomas Kirchner, der Sohn der Künstlerin, zeichnete in seiner Einführung zur Vernissage ein eindrucksvolles Bild dieser gemeinsamen Lebens- und Arbeitswelt. Im Mittelpunkt der Lenninger Schau stehen Schnitte, die Ursula Kirchner dem dichterischen Kosmos Mörikes gewidmet hat. Eines davon – „Gelassen stieg die Nacht ans Land“ – fasst programmatisch zusammen, wie die Künstlerin mit literarischen Vorlagen umgeht: nicht nur illustrierend, sondern interpretierend, weiterdenkend.
Der Titel entstammt Mörikes Gedicht „Um Mitternacht“, das den Wechsel vom Tag zur Nacht besingt. Kirchner übernimmt diesen Kontrast – und übersetzt ihn in die Gegenwart. In ihrem Schnittbild erhebt sich ein nächtlicher Kirchturm, die Zeiger stehen kurz vor der Zwölf. Nebenan jedoch sind die Etagen hell erleuchtet, Feierwütige machen die Nacht zum Tag. Kirchner begegnet den berühmten Versen mit einer urbanen Szene – eine individuelle Lesart des Gedichts, die den zeitlosen Kern von Mörikes Lyrik vor Augen führt.
Mörike jenseits der Konventionen
Mörikes Modernität unterstrichen auch die lyrischen Intermezzi von Bernd Löffler, der zur Vernissage aus den posthum veröffentlichten „Wispeliaden“ rezitierte. Experimentelle Sprachkunst und anarchischer Wortwitz prägen das Gedicht „Der Kehlkopf“ und wecken Assoziationen an die Dadaisten des 20. Jahrhunderts – ein Indiz, wie weit Mörike sich von literarischen Konventionen seiner Zeit entfernte.
Was die Ausstellung in ihrer Gesamtheit sichtbar macht, ist die besondere künstlerische Haltung Ursula Kirchners, die den imaginierten Bildentwurf stets direkt im Schnitt umsetzte. So entstanden Papierreliefs, die dem Skulpturalen mitunter näherstehen als der Grafik. Nicht umsonst wies Thomas Kirchner darauf hin, dass Scherenschneider einst als „Papierschnitzer“ bezeichnet wurden. Die Scherenschnitt-Ausstellung zeigt ein Lebenswerk, das weit über das Tradierte hinausweist. Modernität der Bildfindung und Präzision des Schnitts lassen eine Künstlerin erkennen, die das Genre des Scherenschnittes zur komplexen Ausdrucksform steigerte.
Die Ausstellung „Ursula Kirchner: Mörike-Scherenschnitte“ ist bis 17. Januar 2026 im Schlössle Oberlenningen zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag 11–18 Uhr, Mittwoch 15–18 Uhr, Donnerstag 15–19.30 Uhr, Freitag 14–18 Uhr, Samstag 10–12 Uhr.

