Baustelle
Mit Fingerspitzengefühl am Haken

Annika Geiger hat einen außergewöhnlichen Beruf. Die 23-Jährige arbeitet als Kranfahrerin in einer ­Männerdomäne. Ihr Arbeitsplatz ist ein Autokran von Liebherr.

Annika Geiger mit ihrem Autokran auf der Baustelle. Foto: pr

Baustellen sind Annika Geigers Einsatzgebiet. Wann immer es gilt, Beton- oder Metallträger aufzurichten, ist sie zur Stelle. „Für mich ist das ein tolles Gefühl, wenn ich abends die Baustelle verlasse und da steht eine Wand aus riesigen Betonträgern, die morgens noch nicht da waren“, sagt sie. Vor Kurzem war Geiger, die bei Scholpp in Leonberg arbeitet, mit ihrem Kran auf der Baustelle der Wendlinger Neckarspinnerei, wo derzeit der Hochbau, das markanteste und älteste Gebäude auf dem Areal, saniert wird. 

In einem Büro zu arbeiten, konnte sich Annika Geiger nicht vorstellen. Nach einem Praktikum bei der Firma Wiesbauer in Bietigheim entschied sie sich für eine Ausbildung zur Berufskraftfahrerin. Die Eltern waren überrascht – „Sie haben mich aber immer unterstützt“, sagt Geiger. Drei Jahre lernte sie den Job auf dem Bock von der Pike auf. Schwer­transporte, aber auch die Wartung und Pflege der Fahrzeuge standen auf ihrem Ausbildungsplan. Dann machte sie ihren Kranschein bei der Ehinger Firma Liebherr. Dafür musste sie sechs Monate Fahrerfahrung auf einem Kran mitbringen, um sich für den Schein anmelden zu können. Zwei Wochen später hatte sie den Schein dann in der Tasche.

Geiger gefällt es, auf dem Bau immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt zu werden. „Man macht nie das Gleiche noch mal“, sagt sie. Der Job kann körperlich herausfordernd sein. Gleichzeitig benötigt man Fingerspitzengefühl und vor allem Köpfchen.

Einsatz auf dem Schiff

Fünf Jahre blieb Annika Geiger bei Wiesbauer, dann wechselte sie zur belgischen Firma Deme, die vor allem Offshore-Windkraft-Anlagen aufstellt. Ihr Einsatzort lag vor der Küste von Virginia in den USA, auf einem 200 Meter langen Schiff. Ihre Aufgabe war es, die Fundamente für die Windräder aufzurichten und aufs Meer hinaus zu schwenken. Das tonnenschwere Fundament werde dann bis zu 30 Meter in den Boden gerammt. „Das ist extrem laut“, sagt Geiger. Für Meeressäuger wie Schweinswale bedeutet das Stress, Orientierungslosigkeit oder sogar Gehörschäden. Ein sogenannter Blasenschleier soll den Lärm minimieren: „Es werden Druckluftschläuche rund um die Unterwasserbaustelle gelegt. Die Druckluft steigt in Form eines Vorhangs aus Luftblasen auf. Die dämpfen dann Schallausbreitung“, erklärt Geiger.

Das Arbeiten war wegen des Tierschutzes nicht immer einfach. Mehrfach mussten die Arbeiten auch eingestellt werden, wenn sich Meeresbewohner dem Schiff näherten. „Sonst hätten die Tiere das nicht überlebt“, erklärt Geiger. Ein Wal-Beobachter sei mit an Bord gewesen, damit kein Tier zu Schaden kommt. Viereinhalb Wochen dauerte der Einsatz, dann ging es für die Kranfahrerin wieder nach Hause.

„Man kommt schon rum“

Seit August letzten Jahres arbeitet Annika Geiger bei der Leonberger Firma Scholpp. Und hat schon Einsätze im Atomkraftwerk Neckarwestheim und bei Daimler-Benz gehabt. „Man kommt schon rum“, schmunzelt sie. So kam sie auch zu ihrem Einsatzort auf der Baustelle der Neckarspinnerei. Hier musste einer der beiden Auslegerkrane montiert werden, die seit geraumer Zeit über den Dächern des Hochbaus zu sehen sind.

Also machte sich Geiger mit ihrem Arbeitsgerät auf den Weg nach Wendlingen. Der Baukran selbst wurde von einer anderen Firma angeliefert – in Teile zerlegt und auf mehreren großen Lkw. Ihre Aufgabe war es, die Kranteile so aufzurichten, dass Arbeiter ihn montieren konnten.

Bisweilen geht es ruppig zu auf Baustellen. Wenn eine junge Frau mit einem Autokran ums Eck kommt, reagieren die älteren Arbeiter schon mal mit Skepsis. „Die fällt jedoch gleich weg, wenn sie sehen, dass ich nicht zum ersten Mal auf einer Baustelle bin. Dann gibt es auch schon mal ein Lob“, sagt Annika Geiger. Überzeugen durch Können nennt man das.