Gründungsversammlung
Neue Genossenschaft will Energiewende in Nürtingen vorantreiben

Drei Partner, ein gemeinsames Ziel: Stadt, Stadtwerke und Stiftung Ökowatt haben die Bürgerenergiegenossenschaft Nürtingen gegründet. Bürger können Anteile erwerben. 

Der Photovoltaik-Ausbau muss deutlich beschleunigt werden, um den wachsenden Strombedarf kostengünstig, sicher und klimafreundlich decken zu können. Foto: Jörg Bächle

Der frühe Vogel gründet manchmal auch Genossenschaften. Im Fall der Bürgerenergiegenossenschaft Nürtingen, kurz „BEGiNT“, hatten sich die Gründungsmitglieder um 6 Uhr morgens im Rathaus versammelt, um den Startpunkt zu setzen. Stadt, Stadtwerke und die Stiftung Ökowatt ziehen dabei an einem Strang, und so war es nicht einfach, einen geeigneten Termin zu finden. „Wir wollten aber schnell ins Tun kommen“, sagt Michael Medla, der den Vorsitz im Aufsichtsrat der Genossenschaft übernommen hat. Auch Stadtwerke-Geschäftsführer Hans Sigel wollte diese wichtige Weichenstellung nicht verpassen. Er hatte sich sogar aus dem Urlaub digital zugeschaltet.

Noch ist die Genossenschaft in Gründung, den Anstoß dazu hatte die Stiftung Ökowatt gegeben. Medla geht davon aus, dass die Formalitäten Ende des Jahres abgeschlossen sind. Gleichwohl sei es schon jetzt möglich, Gründungsmitglied zu werden. Der dafür aufzubringende Geschäftsanteil beträgt 1000 Euro. „Es ist aber auch ein beliebiges Vielfaches möglich“, ergänzt Medla.

Dabei handle es sich keineswegs um eine Spende, erklärt Gerhard Schwenk, Vorsitzender der Stiftung Ökowatt und ebenfalls Aufsichtsrat. Das Geld sei nicht verloren. Es sei vielmehr eine Anlage, die verzinst wird und eine Rendite bringt. Klaus Seeger, der gemeinsam mit Oliver Hoß den ehrenamtlichen Vorstand der Genossenschaft bildet, geht davon aus, dass mittelfristig eine Verzinsung von zwei Prozent oder mehr erzielt werden kann. Den Aufsichtsräten obliegt es, darauf zu schauen, dass die wirtschaftlichen Eckdaten stimmen und dass das Risiko im Rahmen bleibt.

Das erste Ziel ist es, Photovoltaikanlagen auf öffentlichen Gebäuden zu errichten. Des Weiteren könne man sich auch gut vorstellen, den Bau eines großen Batteriespeichers zu unterstützen, ergänzt Seeger. Man wolle Projekte ermöglichen, die sonst nicht realisiert werden, weil das Geld fehlt.

Jeder kann sich aktiv einbringen

Der Aufsichtsrat wird komplettiert durch die selbständige Energieberaterin Susanne Scheufele, Otmar Braune, als Vertreter der Umweltverbände und ebenfalls aktives Mitglied bei der Stiftung Ökowatt, und Nürtingens Technischen Beigeordneten Johannes Martin. Für Martin sind Klimaschutz und Energiewende „kommunale Aufgaben“. Dafür brauche es aber „starke Partner“. Alle könnten sich da aktiv einbringen für die Energiewende. „Die Wertschöpfung findet vor Ort statt“, ergänzt Martin.

Schwenk hebt hervor, dass Bürger durch die Genossenschaft an der Energiewende beteiligt werden und man dadurch größere Projekte umsetzen könne. Die Vorteile für die Bürger lägen auf der Hand. So gibt jeder Nürtinger durchschnittlich 2000 Euro im Jahr für Energie aus: „Das Geld fließt aber einfach ab.“ Durch die Investition in die Genossenschaft halte man einen Teil des Geldes vor Ort. Nürtingen müsse so schnell wie möglich unabhängig werden, hat Braune es in einem Text zusammengefasst: Man wolle Turbo und Möglichmacher für die ökologische Transformation in Nürtingen und Umgebung sein. Ziel sei es, Nürtingen auf dem Weg zur Energieunabhängigkeit und CO₂-Neutralität zu unterstützen, schnell, wirksam und gemeinsam. Die Speicherung sei ein weiteres wichtiges Thema: „Dafür muss es aber auch genügend Überschuss geben.“ Das Thema treibt auch die Stadtwerke besonders um. Sollte es zum Bau eines Batteriespeichers komme, wolle man auch auf das Knowhow der lokalen Firmen zurückgreifen.

Ökowatt schiebt Projekt an

Quasi als Anschub stellt die Stiftung Ökowatt 30.000 Euro zur Verfügung. Stadt, Stiftung und Stadtwerke steuern jeweils 20.000 Euro für den Grundstock bei. „Damit ist das erste Projekt finanziert“, sagt Seeger. Ziel sei es, im ersten Jahr 400.000 Euro für Projekte zu erhalten. Im zweiten Jahr hoffe er auf eine Million; in den Jahren drei und vier rechne er mit jeweils 200.000 bis 300.000 Euro: „Das sind durchaus realistische Zahlen.“