Pilotprojekt
Nilgänse: „Abschießen ist keine Lösung“

Die gefiederten Einwanderer werden zunehmend zur Plage. Die Stadt Esslingen testet nun drei Jahre lang Maßnahmen zur Bestands­regulierung. 

Nilgänse, eine invasive Vogelart, breiten sich hierzulande immer mehr aus. TB-Archiv-Foto: pr

Merkelpark, Maille und Neckarfreibad sind zur roten Zone erklärt worden. Hier will die Stadt Esslingen verhindern, dass sich Nilgänse dauerhaft ansiedeln. Einige Exemplare dieser nicht einheimischen Vogelart haben die Grünflächen bereits erobert. Es ist nun die Aufgabe von Stadtjäger Christian Schwenk, sie zu vertreiben. Und dafür zu sorgen, dass sie nicht wiederkommen.

Wie das gelingen soll, darüber informierte sich Baden-Württembergs Landwirtschaftsminister Peter Hauk. Zwar hat sich bei dem Termin im Merkelpark nicht eine einzige Nilgans blicken lassen, „aber sie sind da“, sagt Schwenk und zeigt auf etliche Kothäufchen, die die Wege pflastern. Wie viele Vögel es genau sind, lässt sich nicht beziffern – noch nicht. Eine Bestandsaufnahme ist nun geplant.

Sie schreien alles zusammen und warnen so ihr Artgenossen. Nicht umsonst sind Gänse im alten Rom als Wachhunde eingesetzt worden.

Stadtjäger Christian Schwenk über den Grund, warum sich die Vögel kaum einfangen lassen.

Es werden wohl etliche Tiere sein. Denn überall im Land, so Hauk, sei die Zahl der Nilgänse in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. „Und das führt zu unangenehmen Begleiterscheinungen, wie verkotete Liegeflächen in den Freibädern oder Parkanlagen, Angriffe von Elterntieren auf Spaziergänger und die Abnahme anderer Wasservogelarten.“ Der Minister räumt ein: „Die Konflikte zwischen Menschen und Wildgänse nehmen zu.“

Als Reaktion auf diese Entwicklung hat die Stadt Esslingen ein Konzept zur Bestandsregulierung initiiert, das ab jetzt umgesetzt wird. Dieses Wildgansmanagement hat Vorbildcharakter: Die Ergebnisse aus dem dreijährigen Pilotprojekt sollen laut Hauk auch den anderen 1100 Gemeinden im Land helfen, der tierischen Plage Herr zu werden. Das Ministerium begleitet den Modellversuch beratend. Ziel ist es, herauszufinden, mit welchen Maßnahmen man Nilgänse zumindest von bestimmten Flächen fernhalten kann.

Minister Peter Hauk ließ sich von Falkner Wolfgang Weller und Stadtjäger Christian Schwenk (von links) die geplanten Maßnahmen zur Verringerung der Nilganspopulation erklären. Foto: Elke Hauptmann

Weitere Ausbreitung verhindern

„Ganz vertreiben lassen sie sich nicht mehr“, ist Schwenk überzeugt. Ihre hohe Anpassungsfähigkeit lockt Nilgänse in die Städte, wo sie ausreichend Nahrung, Rückzugsorte und Flächen zur Aufzucht ihrer Küken vorfinden. Der Stadtjäger sagt aber auch in aller Deutlichkeit: „Abschießen ist keine Lösung.“ Statt zu jagen, will man in Esslingen steuernd eingreifen, um die Ausbreitung der Vögel zu verhindern.

Was einfacher klingt, als es tatsächlich ist. Nicht nur, dass Nilgänse quasi überall in Wassernähe brüten – auf Bäumen, an Gebäuden oder in Erdlöchern. „Selbst in der Kanalisation haben wir schon welche gefunden“, berichtet Schwenk. Die Vögel ließen sich kaum einfangen. „Das versucht man nur einmal“, weiß Schwenk aus Erfahrung. „Sie schreien dabei alles zusammen und warnen so ihre Artgenossen. Nicht umsonst sind Gänse im alten Rom als Wachhunde eingesetzt worden.“

Der Stadtjäger favorisiert die „Geburtenkontrolle“. Anders als bei Stadttauben werden die Gänseeier jedoch nicht durch Gips­attrappen ersetzt. Das wäre nämlich kontraproduktiv, weil die schlauen Vögel den Unterschied anhand der Temperatur erkennen, erläutert Schwenk. „Sie werfen die falschen Eier dann aus dem Nest und legen neu.“ Schwenk „impft“ stattdessen einige – „niemals alle“ – Eier im Gelege mit Keimen, um die Entwicklung des Embryos zu stoppen. „Das geht allerdings nur innerhalb der ers­ten 14 Tage.“ Den geeigneten Zeitpunkt bestimmt er, indem er jedes Ei mit einer Taschenlampe durchleuchtet. Dafür hat er sich eigens eine Box gebastelt.

Um Nilgänse zu vertreiben – vergrämen, wie es im Fachjargon heißt –, setzt Esslingens Stadtjäger auf laute Knallgeräusche. Pyrotechnik ersetzt Schüsse. Die Böller müssten jedoch an ständig wechselnden Orten gezündet werden, um Wirkung zu erzielen, erklärt Schwenk. Der Überraschungseffekt sei entscheidend: „Nilgänse merken sonst schnell, dass keine echte Gefahr droht.“

Vertreibung per Drohne

Auch der Einsatz eines Falkners ist möglich. „Die jagdrechtliche Genehmigung haben wir vor wenigen Tagen erteilt“, informiert Marion Leuze-Mohr, die Erste Landesbeamtin des Landkreises Esslingen. Mit Wolfgang Weller, der auf der Burg Hohenneuffen Flugvorführungen mit den Greifvögeln anbietet, steht ein erfahrener Experte parat. „Aber diese Art der Vertreibung ist keine schnelle Sache“, räumt er ein. „Wir müssen dafür längere Zeit an einem Ort arbeiten. Und wir können ja auch nicht überall sein“, fügt Weller hinzu. Alternativ steht dem Stadtjäger daher eine Drohne zur Verfügung, mit der er – dem Falken gleich – Sturzflüge simulieren kann.

Da Nilgänse hohes Gras nicht mögen, wäre es auch denkbar, Blühwiesen statt Rasen anzulegen. Aber das hält Matthias Scheider, der Leiter des Esslinger Grünflächenamtes, für nicht praktikabel. Die Grünflächen im Merkelpark, in der Maille und im Neckarfreibad seien wichtige Aufenthaltsflächen für die Menschen. „Sie werden intensiv genutzt, da können wir das Gras nicht kniehoch stehen lassen.“

 

Nilgans-Management

Ausbreitung: Die ursprüngliche Heimat der Nilgans liegt in Ägypten und südlich der Sahara. Daher stammt auch ihr Name. Die Vögel wurden bereits von den alten Ägyptern, den Griechen und den Römern als Ziervögel gehalten. In Westeuropa begann ihre Haltung in menschlicher Nähe im 18. Jahrhundert – und einige Vögel gelangten in Freiheit. Seit den 1970er-Jahren breiten sich Nilgänse auch in Deutschland rasant aus.

EU-Regelung: 2017 hat die EU die Nilgans auf die rechtsverbindliche Liste invasiver gebietsfremder Arten (sogenannte Neozoen) von unionsweiter Bedeutung gesetzt. Für alle Arten auf der Liste gilt ein Verbot von Einfuhr, Haltung, Zucht, Transport, Erwerb, Verwendung, Tausch und Freisetzung. Aber auch „wirksame Managementmaßnahmen“ werden von den EU-Mitgliedsstaaten gefordert. Die Bejagung ist jedoch umstritten. eh