Den Verkehr in der Ortsdurchfahrt zu entschleunigen, dieser Traum wurde im Neidlinger Rathaus seit Jahren geträumt. Erst eine Gesetzesänderung, gültig seit Anfang 2025, machte diesen Schritt möglich. Auch danach dauerte es noch, im Frühjahr musste die Verkehrskommission die Situation gründlich begutachten. Als die Genehmigung da war, mussten noch neue Schilder bestellt werden. Doch seit dem 10. Dezember ist es so weit: Ab der Einmündung der Lindachstraße gilt Tempo 30, durchgängig bis nach der unteren Einmündung der Schloßstraße. Dieser rund 600 Meter lange Abschnitt deckt das Betreute Wohnen mit Zebrastreifen und zwei Bushaltestellen, die Engstelle am Rathaus und den Zuweg zum Kindergarten Wasserschloss mit Zebrastreifen ab.
Wie lange sind Autos und der Linienbus dadurch länger unterwegs? Bei konstant Tempo 30 und Tempo 50 für die gesamte Strecke wären das rund 29 Sekunden. Die Abschnitte, auf denen bereits bisher Tempo 30 galt, sind davon noch abzuziehen. Doch wie verhält es sich mit dem Anhalteweg? Bei Tempo 50 und einer durchschnittlichen Reaktionszeit beträgt er nach Berechnungen des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) 27,70 Meter. Bei Tempo 30 sind es nur 13,30 Meter. Taucht in 15 Metern Entfernung plötzlich ein Hindernis auf, kann der Fahrer bei Tempo 30 noch rechtzeitig anhalten. Bei Tempo 50 beträgt dagegen die Aufprallgeschwindigkeit 45 Kilometer pro Stunde. Das kann der Unterschied zwischen Leben und Tod sein.
Doch was denken die Anwohner?
Im Frisörsalon direkt an der Ortsdurchfahrt gibt es von Personal genauso Zustimmung wie von einem jungen Kunden. Sie verweisen auf den Zebrastreifen, den viele Leute benutzen. Durch die Kurve am Rathaus, in der der Bus ausholen müsse, könne man nicht mit Tempo 50 fahren.
„Die Schilder sind mir heute erst aufgefallen“, sagt ein junger Passant. Tempo 30 sei schon langsam, man müsse sich zuerst daran gewöhnen. Doch es habe seine Berechtigung. „Es geht zum Kindergarten, es gibt Engstellen, und die Straße ist nicht besonders breit.“ Die Engstelle am Rathaus ist immer wieder ein Thema. Als sie bergauf fuhr und ihr von oben der Bus entgegenkam, habe sie schon zweimal mit dem Auto zurücksetzen müssen, berichtet eine Fahrerin.
Sind die neuen Schilder im Lebensmittelgeschäft beim Edeka zum Dorfgespräch geworden? Nein, sagt die Kassiererin. „Das haben die Leute noch gar nicht wahrgenommen.“ Sie selbst frage sich, ob vielleicht Tempo 40, wie etwa in Kirchheim-Nabern, ein Kompromiss wäre. Doch diese Alternative bot sich der Gemeinde nicht. „Tempo 40 am Zebrastreifen geht nicht, mit Tempo 40 wäre der Lückenschluss nicht möglich gewesen“, sagt Bürgermeister Jürgen Ebler.
Lärmminderung noch nicht festgestellt
Es sei schon besser, wenn die Leute langsamer fahren, sagt ein Anwohner direkt an der Ortsdurchfahrt, der auch selbst Auto fährt. Eine Lärmminderung konnte es bisher noch nicht feststellen. „Vielleicht im Sommer, wenn die Fenster offen sind.“ „Ich finde das schön“, sagt auch ein weiterer Anwohner, ebenfalls mit Auto, der direkt in der Kurve wohnt.
„Vielleicht bin ich ja schuld, ich bin zum Bürgermeister und habe das angeregt“, sagt eine Seniorin am Zebrastreifen zum Kindergarten zu durchgehend Tempo 30. Der Hintergrund ist tragisch: „Vor 33 Jahren habe ich auf dieser Straße ein Enkelkind verloren, es wollte zum Kindergarten.“ Vor allem der Kinder wegen tue sie jeden Morgen an der Bushaltestelle langsam. „Sie glauben gar nicht, mit welchem Tempo da manche das Gefälle runterkommen, auch Radfahrer“, sagt sie zum Ortseingang aus Richtung Wiesensteig.
Immer wieder hat es Lammwirt Thomas Eberhardt erlebt, dass Gäste vom kleinen Biergarten vor dem Haus nach drinnen gewechselt sind. „Ihnen war es draußen einfach zu laut.“ Er hat es mit einer Mauer versucht, doch beim bisherigen Tempo habe das nicht wirklich geholfen. Er sei kein „geschlossener Fan“ von Tempo 30, sagt er, aber in dieser Ortsdurchfahrt sei er dafür. Die Straße sei in schlechtem Zustand, vor allem Traktoren seien sehr laut. Nun habe er endlich Hoffnung: „Ich freue mich auf die Biergartensaison 2026.“

