Die rund 50 Kilometer lange Strecke vom Startpunkt Kirchheim verbindet Etappen für Genussradler mit anspruchsvollen Anstiegen für geübte Sportler. Während der Abschnitt bis Esslingen auch für Familien geeignet ist, erfordert der Weg hinauf zur Stuttgarter Waldkante Kondition und Erfahrung im Straßenverkehr.
Ein Brunnen als Mahnmal
Das erste Ziel: Im Zentrum von Esslingen, unweit der Fischbrunnenstraße, steht ein Brunnen, der mehr als ein dekoratives Stadtmöbel ist. Der Postmichelbrunnen wurde 1916 von dem Stuttgarter Bildhauer Otto Rieth geschaffen und erinnert an eine Legende, die bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht. Auf dem steinernen Sockel thront die Figur des Postreiters Michel Banhard. Die Reliefs am Brunnen erzählen von einem Mord, einem Irrtum und einer verzweifelten Suche nach Gerechtigkeit.

Der Brunnen in Esslingen ist nicht nur ein Denkmal für eine schaurige Sage, sondern auch ein Mahnmal gegen Justizwillkür. Im Reliefzyklus wird das Schicksal des Michels in vier Szenen erzählt: vom Aufbruch des Postreiters über die Anklage, die Folter, das Urteil bis zum Racheakt. Die Skulptur zeugt von einem tiefen moralischen Zwiespalt: Gerechtigkeit gegen Gesetz, Wahrheit gegen Institution.
Die Zwiebel und der Teufel
Nicht weniger fest in der lokalen Identität verankert ist die Herkunft des Spitznamens der Esslinger Bürgerinnen und Bürger: „Zwieblinger“. Die Bezeichnung geht auf eine Sage zurück, die augenzwinkernd mit bürgerlichem Scharfsinn und teuflischer Täuschung spielt. Ihr Ursprung liegt angeblich auf dem Esslinger Wochenmarkt.
Der Sage nach erschien dort einst der Teufel persönlich in Gestalt eines vornehmen Herrn. Er verlangte von einer Marktfrau den schönsten Apfel – sie jedoch durchschaute den finsteren Gast. Statt ihm den Apfel zu geben, reichte sie ihm eine große Zwiebel. Der Teufel biss hinein, wurde vom scharfen Geschmack überwältigt und spuckte das Gemüse fluchend aus. Wutentbrannt rief er: „Zwiebeln sind’s – scharfe Zwiebeln!“, und verschwand. Seitdem heißt es, die Esslinger seien Zwieblinger – scharf, eigenwillig, aber mit Köpfchen.

Der Spitzname lebt bis heute im Sprachgebrauch weiter und wird nicht selten mit Stolz getragen. Auch das alljährliche Zwiebelfest erinnert in humorvoller Weise an diese Überlieferung. Historisch betrachtet dürfte die Bezeichnung ihren Ursprung allerdings eher im regen Handel mit Zwiebeln gehabt haben – doch die Sage hält sich bis heute.
Zwischen Fachwerk und Steige
Der Marktplatz, wo sich laut Überlieferung der Vorfall mit dem Teufel ereignet haben soll, bildet das Herz der Esslinger Altstadt. Umgeben von prächtigen Fachwerkhäusern, einer gotischen Stadtkirche und belebten Cafés, verbindet sich hier mittelalterliches Flair mit urbaner Lebendigkeit. Die Altstadt selbst gehört zu den am besten erhaltenen in Süddeutschland und bietet zahlreiche Stationen für eine kulturhistorische Rast.
Von dort führt die Route weiter zum Bahnhof Esslingen, wo ambitionierte Radfahrer die nächste Etappe antreten: Über Bad Cannstatt geht es hinein in die Landeshauptstadt Richtung Gablenberg zum Navigationsziel „Diemershaldenstraße 13“: Das Postmichelkreuz, früher in der Wagenburgstraße (der ehemaligen „Eßlinger Steige“) beim Aufgang zur Uhlandshöhe in eine Weinbergmauer eingelassen, steht heute neben dem Eingang zur Diemershaldenstraße 13. Es soll ein Pest- oder Sühnkreuz gewesen sein und trug einmal die Jahreszahl: Laut Sage soll dort 1491 der Bürger Amandus Marchthaler ermordet und ausgeraubt worden sein.
Herkunft der Sage
Die Erzählung Das Steinkreuz auf der Eßlinger Steige bei Stuttgart erschien im März 1845 in mehreren Folgen in der Stuttgarter Stadt-Glocke, einem Unterhaltungsblatt, das von Johann Gottlieb Munder (1802–1870) herausgegeben wurde. Unklar ist, ob Munder selbst oder sein Bruder, der Pfarrer Wilhelm Friedrich Munder (1799–1851), den Prosatext der frei erfundenen Geschichte verfasste.
Der letzte Satz der Erzählung lautet: „Dieses Steinkreuz, an welches sich die alte Sage knüpft, daß der Postmichel mit dem Kopf unterm Arm um Mitternacht durch die Heusteige reite, ist noch jetzt an Ort ersichtlich; es drohet ihm aber gegenwärtig der Untergang, was doch sehr zu bedauern wäre, indem es der älteste bekannte Denkstein um Stuttgart ist und eine Erhaltung wohl verdient.“ Bereits 1844 hatte Johann Gottlieb Munder das Gedicht „Der Postmichel“ in einem Gedichtband veröffentlicht. Es umfasst 26 Strophen und trägt den Untertitel „Stuttgarter Ammenmärchen. Zeit 1496“. Laut Inhaltsverzeichnis entstand das Gedicht bereits im Jahr 1834. Es enthält bereits alle erzählerischen Elemente des späteren, ausgearbeiteten Prosatextes. Der Postmichel, „zu Eßlingen der Post, ein armer Knecht“, ist darin jedoch die einzige namentlich genannte Figur.
Letzte Etappe mit Weitblick
Wer die körperliche Herausforderung nicht scheut, kann die Tour noch vom Postmichelkreuz bis zum Stuttgarter Fernsehturm verlängern. Mit seinen 216 Metern Höhe bietet er von der Aussichtsplattform einen Rundblick über das Neckartal, die Schwäbische Alb und bei klarem Wetter bis zum Schwarzwald.

Fazit
Die beiden Esslinger Sagen – die des Postmichels und die der scharfen Zwiebeln – sind dabei mehr als nur Anekdoten. Sie erzählen von Irrtümern und listigem Widerstand, von Schuld und Spott, von tragischer Wahrheit und überdauerndem Volkswitz. Ihre Stationen entlang der Route geben der Fahrt nicht nur Zielpunkte, sondern auch Tiefe.
Für Familien bietet sich insbesondere der Abschnitt bis Esslingen an. Die flachen Wege, der historische Stadtkern und der direkte Zugang zu Bahn und Gastronomie machen ihn zu einem idealen Halbtagsausflug. Der Weiterweg zum Postmichelkreuz und schließlich zum Fernsehturm oberhalb Stuttgarts hingegen eignet sich vor allem für trainierte Radfahrer mit Erfahrung im Straßenverkehr und Freude an Höhenmetern.
Was bleibt, ist ein Ausflug, der Geschichte erfahrbar macht – auf zwei Rädern, zwischen Mythen und Mauern, zwischen Brunnen und Aussichtsturm.
Sagen der Region, Folge 2: Sage vom Postmichel
An einem Herbstmorgen 1491 fand man an der Esslinger Steige bei Stuttgart den Esslinger Bürger Amandus Marchthaler ermordet und ausgeraubt auf. Der Täter konnte nicht ermittelt werden, das Vermögen des unverheirateten Opfers erbte dessen Neffe. Zwei Jahre später entdeckte der Botenreiter Michel Banhard aus Deggingen in der Nähe des Tatorts einen Ring, der Marchthaler gehört hatte, und steckte sich diesen an den Finger, um ihn später als Fundsache beim zuständigen Amt abzugeben. Bevor er das jedoch in die Tat umsetzen konnte, wurde der Ring in der Esslinger Botenherberge als Marchthalers Eigentum erkannt und Michel Banhard als Mörder verdächtigt, festgenommen und gefoltert. Schließlich legte er ein Geständnis ab, um den Folterqualen durch den Tod zu entgehen, und sollte vom Stuttgarter Scharfrichter auf dem in Richtung Oberesslingen gelegenen Richtplatz in Gegenwart zahlreicher Schaulustiger enthauptet werden. Als letzte Gnade bat er sich aus, auf seinem Schimmel zum Richtplatz reiten und dabei sein Horn blasen zu dürfen. Dies wurde ihm gestattet.
Vor dem Haus des Neffen des Mordopfers blies er ein letztes Stück auf seinem Horn und beschuldigte den Bewohner, sich während des Prozesses nicht für ihn eingesetzt zu haben. Auch gegenüber dem Scharfrichter erklärte er, der wahre Mörder sei noch nicht gefunden. In dem Moment, in dem Michel Banhard enthauptet wurde, war auf der Straße nach Stuttgart Hufgetrappel und Hornblasen zu hören. Ebenso erschollen in der darauffolgenden St.-Michaels-Nacht sowohl im Hof des Neffen Marchthalers als auch vor dem Haus des Scharfrichters in Stuttgart Horntöne, und ein Reiter auf einem Schimmel, der seinen Kopf unter dem Arm trug und ins Horn stieß, wurde an beiden Orten gesehen. Diese Erscheinung des kopflosen Reiters wiederholte sich alljährlich in der Michaelsnacht, auch nachdem der Neffe des Ermordeten Esslingen verlassen hatte, um ihr zu entgehen.
Etwa ein halbes Jahrhundert später kam ein alter Mann nach Esslingen und begab sich ins Spital. Als auch er in der folgenden Nacht den Postmichel auf seinem Schimmel spuken sah und mit seinem Posthorn blasen hörte, brach er zusammen, gab sich als Neffe Matthäus Wels und Erbe des Ermordeten zu erkennen und gestand den Mord an seinem Onkel. Danach starb er entkräftet und von da an fand auch der Postmichel seine Ruhe und sein Horn schwieg von diesem Tage an.

