Bereits 27 Minuten nach Abfahrt erreicht man die Großstadt an der Grenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern, deren Bahnhof derzeit umfassend saniert wird.
Die Suche nach Wahrzeichen Ulms führt uns zum Münster, dessen Titel „höchster Kirchturm der Welt“ von der Sagrada Família in Barcelona übernommen werden dürfte. Ulmer Kirchturm jedenfalls misst 161,53 Meter und wurde 1890 vollendet. Die Sage vom Ulmer Spatz ist seit dem 19. Jahrhundert überliefert und entstand somit zeitlich parallel zur Fertigstellung des Turms.
Auf dem Dach des Münsters sitzt vermeintlich ein vergoldeter Spatz aus Kupfer. Die heutige Figur wurde 1888 aufgestellt – finanziert von der Ulmer Gesellschaft „Hundskomödie“. Der Spatz erinnert an eine Erzählung aus der Bauzeit des Münsters:
Ein langer Balken sollte durch das Stadttor transportiert werden, doch passte er nicht quer hindurch. Die Arbeiter waren ratlos – bis ein Spatz mit einem Zweig im Schnabel längs vorbeiflog. Die Lösung war einfach: Den Balken drehen. Ob wahr oder nicht – die Moral bleibt: Manchmal liefern Tiere die besten Ideen.
Entstehung der Sage
Der „Spatz“ auf dem Hauptschiff des Ulmer Münsters trägt tatsächlich einen Strohhalm im Schnabel. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um eine Taube mit einem Ölzweig – gespendet von wohlhabenden Ulmer Bürgern und inspiriert von der biblischen Geschichte der Arche Noah. Die Taube ist jedoch so klein geraten, dass sie aus der Ferne kaum als solche erkennbar ist. Auch der Ölzweig wird nur sichtbar, wenn man den Turm besteigt.
So – laut einer glaubwürdigen Theorie – entstand die Geschichte vom Ulmer Spatz: Aus der zu klein geratenen Taube wurde spöttisch ein Spatz gemacht. Im Lauf der Zeit wurde daraus eine ganze Sage – und ein Wahrzeichen.
Nach dem Ulmer Spatz wurden in Ulm unter anderem ein Laugengebäck, ein Kinder- und Jugendchor sowie ein Schienenbus benannt, der bis 2014 an Wochenenden von Ulm auf die Schwäbische Alb fuhr.
Im Jahr 2001 wurde eine Benefizaktion zur Erhaltung des südlichen Münsterturms gestartet: 275 Spatzen wurden von Künstlern und anderen Persönlichkeiten gestaltet – viele sind noch heute in der Stadt zu sehen. Dabei kamen über 350.000 Euro zusammen.
Wer nicht mit dem Fahrrad nach Ulm reist, dem sei ein Spaziergang durchs Fischerviertel empfohlen. Die Radler hingegen brechen auf Richtung Eselsburger Tal – auf dem Donauradweg nach Norden.
Durch das Lonetal ins Eselsburger Tal
Etwa sieben Kilometer folgen wir der Donau nordostwärts bis Thalfingen, dann geht es über Ober- und Unterelchingen nach Langenau. Nach rund 14 Kilometern und der ersten ernsthaften Steigung erreichen wir Öllingen. Jetzt durchqueren wir das Lonetal – ein landschaftlich reizvolles Tal mit Höhlen, Felsen und Spuren aus der Altsteinzeit.
Nächster Ort ist Bissingen ob Lonetal, wo wir über den Dettinger Weg Richtung Herbrechtingen weiterfahren und die A7 überqueren.
Natur und Sage vereint
30 Kilometer nach Ulm erreichen wir den Einstieg ins Eselsburger Tal bei der Burgruine Eselsburg: Unterhalb schlängelt sich die Brenz durch ein idyllisches Naturschutzgebiet. Neben einem kleinen Weiher ragen zwei markante Kalkfelsen in den Himmel – bekannt als die „Steinernen Jungfrauen“, eine weitere Sage.
Heidenheim und weiter
Von den sagenhaften steingewordenen Jungfrauen das Tal entlang über Herbrechtingen bis zum Heidenheimer Bahnhof sind es rund zehn Kilometer. Links oben thront Schloss Hellenstein, die Fußgängerzone lockt mit Kulinarischem. Nach einer Pause geht es weiter Richtung Göppingen. Es warten lange Anstiege und die fiese Wellenalb, ein Auf und Ab verlangt die letzten Körner bis Böhmenkirch, bevor die alte Steige rasant nach Weißenstein führt. Von dort erreichen wir Donzdorf auf dem Radweg, einer ehemaligen Bahntrasse bis Süßen – erste Option, um wieder in den Zug zu steigen.
Ein Fazit in Stein gemeißelt
Die Tour bietet eine gelungene Mischung aus Geschichte, Sage und Natur. Wer gerne draußen unterwegs ist, sich für regionale Legenden interessiert und Bewegung nicht scheut, wird diesen Ausflug genießen. Der Ulmer Spatz und die Steinernen Jungfrauen bleiben im Gedächtnis – und machen Lust auf weitere sagenhafte Entdeckungen.
Übrigens: 1987 entdeckte ein Belgier einen Asteroiden, den er „Ulmer Spatz“ nannte. Der fliegt seither irgendwo zwischen Mars und Jupiter – während wir nach rund 90 Kilometern wieder in Göppingen ankommen und die letzten Kilometer bis Plochingen mit dem Zug zurücklegen.
Achtung: Die Tour eignet sich nur für geübte Radler oder E-Biker mit großer Akku-Reichweite. Alternativ kann man ab Heidenheim mit dem Zug zurück nach Ulm und dann nach Wendlingen fahren.
Sagen der Region, Folge 4: Ulmer Spatz/Die Steinernen Jungfrauen
Als die Ulmer im 14. Jahrhundert ihr großes Münster errichteten, brauchten sie besonders lange Holzbalken für das Dach. Die Bauleute fällten mächtige Stämme und transportierten sie mit einem Wagen zur Stadt. Doch am Stadttor war plötzlich Schluss – die Balken waren quer geladen und passten nicht hindurch. Ratlos versammelte sich die ganze Stadt. Handwerker, Bürger, sogar der Bürgermeister standen vor dem Dilemma. Einige wollten gar das Tor einreißen. Da bemerkte jemand einen kleinen Spatz mit einem Halm im Schnabel. Der Vogel drehte den Halm geschickt und schob ihn längs in eine Mauerspalte. Die Ulmer taten es ihm gleich, luden die Balken längs – und der Wagen passte durch das Tor.
Die Freude war groß, und zum Dank erhielt der Spatz ein Denkmal: eine kleine Figur mit Halm auf dem Dach des Münsters. Seitdem gilt er als kluges Wahrzeichen der Stadt – und die Ulmer tragen bis heute stolz den Spitznamen „Spatzen“.
***
Einst thronte über Eselsburg auf einem schroffen Felsen eine mächtige Burg. Dort lebte das hochmütige Burgfräulein, das keinen Freier für gut genug hielt. Als sie älter wurde und niemand mehr um sie warb, wurde sie verbittert. Selbst ihren Mägden verbot sie, mit Männern zu sprechen. Allabendlich mussten die beiden jungen Frauen Wasser aus dem Tal holen. Eines Frühlingstags hörten sie Musik. Ein junger Fischer spielte am Weiher. Die Mädchen trafen sich bald regelmäßig mit ihm, plauderten und sangen Lieder. Die Herrin beobachtete sie – und als sie ihre Fröhlichkeit sah, wurde sie von Zorn gepackt. „Werdet zu Stein!“, rief sie – und augenblicklich erstarrten die Mädchen. Seitdem stehen sie als Felsen am Weiher. Noch in derselben Nacht schlug ein Blitz in die Burg ein. Die Herrin starb – und Eselsburg brannte bis auf die Grundmauern nieder.

