Bahn
Wie stehen die Chancen für den Erhalt des Regionalexpresses nach Ulm?

Die Petition des Wendlingers Benjamin König für den Erhalt des RE 200 hat überregional für Aufsehen gesorgt. Doch was sagen Deutsche Bahn und der Verkehrsminister? Auch die drei Kirchheimer Landtagsabgeordneten melden sich zu Wort.

Die Güterzuganbindung an die Neubaustrecke nach Ulm. Foto: Philip Sandrock

Soll der Regionalexpress 200, der momentan von Wendlingen nach Merklingen und Ulm fährt, auch nach der Eröffnung der ICE-Trasse Stuttgart-Ulm erhalten bleiben? Der Wendlinger Benjamin König fände das gut und hat deswegen Anfang Mai auf der Internet-Plattform change.org eine Petition gestartet. „Der Erhalt des RE 200 ist wirtschaftlich, ökologisch und sozial sinnvoll – eine Streichung wäre das falsche Signal“, findet König. Und mit ihm derzeit 5442 weitere Menschen. „Das kann ja nur ein schlechter Witz sein. Die beste „neue“ Verbindung seit Jahren und jetzt wieder zurück auf null? Einfach nur traurig wie das Geld verschwendet wird“, schreibt ein Unterzeichner in der Kommentarspalte.

In Deutschland gilt auch beim Zug das Rechtsfahrgebot

Andreas Schwarz hat sich zwar schon mit dem Petenten in Verbindung gesetzt. Doch der Grünen-Abgeordnete aus Kirchheim hat eigentlich keine Hoffnung, dass sich der RE 200 erhalten lässt. Der Regionalexpress startet im Wendlinger Bahnhof, durchquert die Güterzuganbindung unter der Autobahn und fährt dann rund acht Kilometer durch den Albvorlandtunnel auf dem linken und damit falschen Gleis. Denn in Deutschland gilt nicht nur für Autos, sondern auch für Züge das Rechtsfahrgebot. Im Fall der Neubaustrecke kann der RE 200 erst bei Nabern auf die richtige Seite wechseln, denn dort gibt es eine Weiche für den Wendlingen startenden Regionalexpress und auch die derzeit auf der Strecke fahrenden ICE. „Jetzt, wo nur wenige Züge auf dieser Strecke unterwegs sind, ist das kein Problem“, sagt Schwarz. Wenn aber die Strecke von Stuttgart nach Ulm durchgängig befahrbar ist, sei es nicht mehr möglich einen Zug über das Gegengleis fahren zu lassen. Eine technische Lösung sieht Schwarz nicht.

„Ich fahre ziemlich regelmäßig mit diesem Zug von Wendlingen nach Ulm“, sagt der Kirchheimer SPD-Abgeordnete Andreas Kenner. Und wie Benjamin König fände auch er es sehr schade, wenn diese Verbindung bald nicht mehr existiert. „Dass meine beiden Landtagskollegen Schwarz und Jukov diese Petition unterstützen, freut mich“, sagt Kenner. Er findet allerdings, dass die beiden ihren Draht zu Landesverkehrsminister Winfried Hermann nutzen könnten, damit dieser Druck auf die Bahn aufbaut.

Ihre Kontakte zu Hermann haben die beiden Grünen-Abgeordneten in der Tat genutzt, doch auch der Minister kann dem Petenten keinerlei Hoffnung auf einen Erhalt des Zuges machen. „Die bereits gebaute Infrastruktur gibt das nicht her“, sagte er am vergangenen Freitag nach dem Treffen mit den Bürgermeistern in Köngen.

Schön wäre es, wenn die Pendlerzüge pünktlich fahren

Andreas Kenner würde es schon begrüßen, wenn die Bahnen und S-Bahnen, auf die man jeden Tag angewiesen ist, einigermaßen pünktlich fahren. Oder überhaupt fahren. „In den letzten Tagen ist meine geplante S-Bahn immer ausgefallen, so dass ich mit dem Taxi oder dem X10-Bus nach Wendlingen fahren musste, um von dort nach Stuttgart zu fahren. Kenner wies darauf hin, dass die Online-Petition eigentlich eher eine Unterschriften-Sammlung sei. Eine Petition, sagt er, müsse beim Land- oder Bundestag eingereicht werden und werde dann dort auch behandelt. Dazu reiche eine einzige Unterschrift aus.

„Auch wenn der RE 200 zwischen Wendlingen, Merklingen und Ulm bislang nur als Provisorium vorgesehen war, hat er sich in kurzer Zeit als wertvolle und leistungsfähige Nahverkehrsverbindung etabliert“, sagt die CDU-Abgeordnete Natalie Pfau-Weller. Sie pendelt selbst mit dem Zug zwischen Kirchheim und Stuttgart und kann, genau wie Kenner, ein Lied davon singen, wie unzuverlässig das Angebot auf der Schiene ist. Pfau-Weller würde es begrüßen, wenn die Verbindung erhalten bleibt. Derzeit jedoch, sagt auch sie, fehlten die infrastrukturellen Voraussetzungen dafür. „Umso wichtiger ist es, dass wir uns gemeinsam mit Nachdruck dafür einsetzen, dass diese Verbindung – oder ein gleichwertiger Ersatz – auch über die Inbetriebnahme von Stuttgart 21 hinaus erhalten bleibt“, findet sie. Die Region brauche nicht weniger, sondern mehr starke Bahnangebote.

Technisch gibt es keine sinnvolle Lösung

Mehr Bahnangebote wird es jedoch nicht geben. Jedenfalls nicht zwischen Wendlingen und Ulm. Wie schon Winfried Hermann bei seinem Besuch in Köngen macht auch die Projektgesellschaft Stuttgart-Ulm keine Hoffnung darauf, dass der RE 200 zwischen Wendlingen und Ulm unterwegs sein wird. „Bei Beibehaltung dieser Relation auf der vorhandenen Infrastruktur wäre die Kapazität der Schnellfahrstrecke erheblich eingeschränkt“, begründete das Unternehmen sein Nein. Die neue Eisenbahninfrastruktur bei Wendlingen sei Ergebnis eines tiefgreifenden Abwägungsprozesses mit entsprechendem Planfeststellungsbeschluss. Technisch sei keine sinnvolle Lösung absehbar, um die heute erforderliche Fahrt auf dem Gegengleis zu vermeiden. Eine Überleitverbindung im Tunnel könne aufgrund der notwendigen Trennung der beiden Tunnelröhren nicht mit vertretbarem Aufwand realisiert werden. Selbst bei Realisierung sei zusätzlich eine Kreuzung der Gegenrichtung erforderlich. „Für eine bauliche Erweiterung wäre zudem ein eigenes Planfeststellungsverfahren notwendig; dafür gibt es derzeit weder eine Planung noch steht dafür eine Finanzierung in Aussicht“, so die Deutsche Bahn.

Und was geschieht mit der Güterzuganbindung, wenn die Züge von Stuttgart über den Flughafen nach Ulm düsen? Durch die fahren derzeit ja sowohl die ICE als auch der Regionalexpress, um auf die Neubaustrecke zu gelangen. Der Verkehrsminister, schon bei der Schlichtung 2010 mit der Neubaustrecke befasst, glaubt auch heute noch nicht daran, dass auf der ICE-Trasse Güterzüge unterwegs sein werden. Zumal mit der Filstalstrecke eine wesentlich weniger steile Variante zur Verfügung steht. Die DB-Vorständin für den Güterverkehr, Sigrid Nikutta, hat Güterzüge auf der Neubaustrecke in einem Interview mit dem SWR ebenfalls ausgeschlossen. Bei der Projektgesellschaft Stuttgart-Ulm jedoch hält man am Narrativ der Güterzüge fest, die mit bis zu 1000 Tonnen Gewicht in Einzeltraktion, also mit nur einer Lok, die Alb hinauffahren können. „Die Möglichkeit besteht insbesondere nachts, wenn Fern- und Regionalverkehr davon nicht beeinträchtigt sind“, sagt der Sprecher des DB-Tochterunternehmens. Entsprechende Nachfragen von Eisenbahnverkehrsunternehmen werde die DB InfraGO im Rahmen der Trassenvergaben auch nach Inbetriebnahme von Stuttgart 21 berücksichtigen.