Der junge Mann aus dem Irak strahlt. Er hat allen Grund dazu: Seit kurzem darf er sich nicht nur „Orthopädietechnikmechaniker“ nennen, sondern seinen Traumberuf auch ausüben - in der Werkstatt des Sanitätshauses Hartlieb in Göppingen. Dieser Erfolg ist seiner Zähigkeit zu verdanken. Sie hat ihm nicht nur bei der Flucht geholfen. Dank ihr hat er auch in Rekordzeit die Sprachprüfung auf B2-Niveau, den deutschen Schulabschluss sowie die Gesellenprüfung bewältigt.
Der 32-jährige hat ein turbulentes Leben hinter sich. Aufgewachsen ist er als jüngstes von 14 Kindern in einem irakischen Dorf. Seine Familie gehört zu den Jesiden, die wie die Christen immer wieder Verfolgung und Genozide erlebt haben. Nach der Schule übernahm Ghazwan mit 19 Jahren den elterlichen Hof. Doch 2014 setzten sich die Truppen des Islamistischen Staats (IS) im Nordirak durch. Sie machten systematisch Jagd auf Jesiden, die nicht zum Islam konvertieren wollten. Ganze Familien wurden abgeschlachtet, komplette Dörfer ausgerottet. Ghazwans Familie floh zunächst in die Berge und verschanzte sich dann wieder im Heimatdorf. „Jede Nacht hielt in jedem Haus einer Wache“, erinnert sich der Iraker: „Irgendwann wurde mir klar: Ich muss gehen - ich hatte einfach keine Zukunft mehr.“
Die Familie raffte 10000 Euro für Schleuser zusammen. Was war der Plan? „Ich wollte überleben“, meint Ghazwan achselzuckend. Vor ihm lagen schreckliche Wochen,
Mein Plan? – Ich wollte überleben!
Ghazwan Haji Kheder beschreibt die Angst und Verzweiflung vor und auf der Flucht
geprägt von Todesängsten, ständiger Ungewissheit, langen Fußmärschen in brütender Hitze und Fahrten in vollgestopften Pickups durch den Irak und die Türkei. Dreimal versuchte er mit Mitstreitern, die Grenze zu Bulgarien zu Fuß zu überwinden. Dreimal wurden sie aufgegriffen, geprügelt und zurücktransportiert. Sie versteckten sich bei Eiseskälte im Wald, hatten tagelang nichts zu essen und zu trinken: „Wir aßen Schnee wie Tiere“, erzählt er. Schließlich gaben sie auf, es ging wieder nachhause.
Dort war das Leben nach wie vor von Angst und Schrecken geprägt. Niemand fand Ruhe, es gab keine Perspektive. Noch einmal zog der damals 21-Jährige deshalb Richtung Europa los und war auf der Flucht oft dem Tod näher als dem Leben. Aber er schaffte es diesmal bis Budapest. Von dort war die Passage im LKW-Laderaum bis in ein kleines bayrisches Grenzdorf ein Kinderspiel. Ein Schleuser im PKW sondierte die Lage, und wenn Polizei in der Nähe war, wich der LKW auf einen Parkplatz aus. Alle mussten dann ganz leise sein.
Ghazwan konnte es kaum fassen, als er plötzlich auf dem Münchner Marienplatz stand. Für ein paar Tage kam er bei Familienmitgliedern unter, die schon zwei Jahrzehnte zuvor aus dem Irak geflohen waren. Dann folgten Monate in Lagern bis zur Zuteilung nach Göppingen und zur Anerkennung als Asylsuchender. 2017 endlich begann der junge Mann, der Kurdisch und Arabisch sprach und zunächst Schwierigkeiten mit der hiesigen Schrift hatte, einen Alphabetisierungskurs bei der Volkshochschule. Der Lernfluss wurde durch drei Hüft-OPs unterbrochen, die auf einen Kindheitsschaden zurückzuführen waren. Doch auch dies hatte sein Gutes: Ghazwan war auf eine Orthese angewiesen - und entdeckte sein Interesse für das Orthopädietechniker-Handwerk.
Für den Schulabschluss musste der Iraker auch noch Englisch lernen. Dann folgte in Stuttgart die Ausbildung, gespickt mit lateinischem Vokabular. Fast nebenbei hat er noch den Führerschein gemacht. Für all dies und für die Gesellenprüfung büffelte er mit ehrenamtlich Engagierten. Der Aufwand hat sich gelohnt: Seit kurzem darf er sich Geselle nennen und arbeitet im Sanitätshaus. „Der Beruf ist extrem vielseitig“, schwärmt er. Sein Meister, Marc-Christoph Schäfer, bestätigt: „Ghazwan ist in jeder Hinsicht in Deutschland angekommen.“

