Es sind nur drei einfache Worte und doch sind sie tröstlich. „Wir sind da“, sagt Tanja Baumann, Koordinatorin der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) im Landkreis Esslingen. Da waren sie und ihre Kolleginnen und Kollegen auch als am Ludwig-Uhland-Gymnasium in Kirchheim der Amokalarm ausgelöst wurde. Und zwar nicht nur am Tag selbst, sondern auch am nächsten Tag. „Es war für uns ein ungewöhnlicher Einsatz“, sagt Baumann. Gott sei Dank sei auf der Fahrt dorthin schon Entwarnung gegeben worden. Auf dem Papier gebe es für alles Pläne. Aber das sei eben doch etwas anderes als ein Einsatz in der Realität.
Die Mitglieder der PSNV kommen nicht mit Sirene oder Martinshorn, aber doch sind sie fester Bestandteil der Blaulichtfamilien und werden von Polizei oder Rettungsdienst alarmiert. Während die einen sich um die Schwerverletzten kümmern oder auch Tote bergen müssen, kümmern sich die PSNV-Helfer um die Beteiligten, die Angehörigen oder gar die Ersthelfer. „Äußerlich mag nichts passiert sein, die Seele kann aber verletzt sein“, erklärt Baumann.
Nicht nur ein Fehlalarm
In Kirchheim hatte am 11. November ein noch unbekannter Verursacher den Amokalarm ausgelöst. Die Schule musste evakuiert werden. „Da war doch nichts, das war doch nur ein Fehlalarm“: Über solche Aussagen kann die PSNV-Koordinatorin nur den Kopf schütteln. „Die Betroffenheit war trotzdem echt. Das macht was mit den Kindern.“ Schließlich hätten sich viele von ihnen in den Klassenzimmern verschanzen müssen, bis sie von schwerbewaffneten Polizisten nach draußen begleitet wurden. Am ersten Tag sei man mit elf Einsatzkräften vor Ort gewesen. Als sie ankamen, seien ihnen die Schülerinnen und Schüler entgegengekommen, die aus der Betreuungsstelle entlassen wurden. „Unser Angebot ist freiwillig. Es wird aber gern angenommen“, sagt Baumann. Die Schule verfüge natürlich selbst über Krisenpläne. „Das Ludwig-Uhland-Gymnasium ist da mit Schulsozialarbeit, Schulseelsorge und Trauerbegleiterinnen super aufgestellt“, ergänzt Baumann. Man habe dann gemeinsam überlegt, wo man noch unterstützen könne. Denn von so einem Vorfall seien alle Beteiligten betroffen. Es könne sein, dass man in dem Moment funktioniere. Wenn es ruhiger werde, kreisten aber die Gedanken. „Auch eine Schulleitung besteht aus Menschen, die das Erlebte verarbeiten muss“, sagt Baumann. Sie ergänzt: „Unsere Anwesenheit gibt da Sicherheit.“ Wer selber betroffen sei, der stoße sehr schnell an seine Grenzen.
Es kommt sehr viel zurück und man wird demütiger.
Tanja Baumann, Koordinatorin Psychosoziale Notfallversorgiung Landkreis Esslingen
Die PSNV könne vieles „auffangen und sortieren“. Wenn man schnell vor Ort sei, könne man viele Informationen geben. Das scheint funktioniert zu haben: „Wir hatten in den Folgetagen wenig Anrufe“, erzählt Baumann. Wer dennoch weiter Hilfe braucht, dem nennt die PSNV die richtigen Ansprechpartner. Man habe auch einen guten Draht zur schulpsychologischen Beratungsstelle.
Aaron und Paula waren die Stars
Sieben Stunden dauerte der Einsatz am zweiten Tag und die Notfallversorger hatten noch zwei Trümpfe dabei: die Hunde Aaron und Paula. „Das war ein glücklicher Zufall, aber nicht zum ersten Mal“, sagt Baumann. Der Einsatz der vierbeinigen Teammitglieder hat sich gelohnt. „Sie sind Eisbrecher und Seelentröster‘“, sagt Baumann, die selbst Hundebesitzerin ist. Das habe wieder einmal gezeigt, wie wertvoll es ist, Hunde dabei zu haben. Die PSNV-Teams werden organisationsübergreifend gebildet, darunter sind dann auch Notfallseelsorger von Kirche, DRK und Malteser. Durch die jüngsten Erfahrungen sei das Thema wieder aufgeflammt, ob gerade bei geplanten Einsätzen, wenn möglich, Hunde mitkommen sollten.
Den Tag danach hat die Schule unter das Thema „Schule light“ gestellt. Es wurden keine Klassenarbeiten geschrieben. „Wer wollte, konnte bei uns vorbeikommen“, sagt Baumann. Und das Angebot sei wirklich angenommen worden. „Wir waren überrascht, wie viele da waren“, sagt Baumann. Ein Vorteil bei einigen sei die „Neutralität“ der PSNV gewesen: „Wir kommen ganz unbefangen von außen.“ Die Rückmeldungen seien positiv gewesen. Die Anwesenheit der Helfer habe Halt und Sicherheit gegeben.

Die Zusammenarbeit mit den anderen Rettungs- und Polizeikräften habe bestens funktioniert: „So etwas stemmt man nicht allein.“ Zwar könne man an der ein oder anderen Stelle noch etwas besser machen. „Es war aber eine rundum gute Sache“, ergänzt Baumann. Die PSNV-Mitglieder sind aber nicht nur geschult, sondern sie opfern für dieses Ehrenamt auch einen Teil ihrer Freizeit oder verzichten sogar manchmal auf Urlaub. Während ehrenamtliche Feuerwehrleute in der Regel von ihren Arbeitgebern freigestellt werden, ist das bei der PSNV nicht der Fall. „Wir kämpfen weiter dafür“, sagt Baumann. Häufig gehören zu den Teams Vollzeitbeschäftigte, die seien dann entweder in den Randzeiten des Tages oder am Wochenende unterwegs. „Ein Teil des Urlaubs geht schon drauf“, sagt Baumann über ihr eigenes Engagement.
Dienst wird durch Spenden finanziert
Auf 37 Einsatzkräfte kann die Koordinatorin im Altkreis Nürtingen derzeit zurückgreifen. Rund 200 Einsätze im Jahr sind zu leisten. „Aktuell liegen wir bei 191“, sagt Baumann. Die Tendenz sei leicht steigend. Doch ihr Ehrenamt, das so viel bewirken kann, will die Koordinatorin nicht missen. „Es kommt sehr viel zurück und man wird demütiger“, sagt Baumann. Das Engagement erde und man schätze das Leben mehr. Zu Einsätzen gehe man immer mindestens zu zweit.
Per App meldeten sich die Kräfte, die Zeit hätten. Baumann stellt dann die Teams zusammen. Der Dienst finanziert sich übrigens aus Spenden. „Diese gehen leider zurück“, sagt Baumann. Doch sie und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden auch weiterhin in Extremfällen gefragt sein. Häufig im häuslichen Bereich, wenn jemand verstorben ist, aber auch beim Bus-Unfall mit damals 41 Verletzten am Max-Planck-Gymnasium im Jahr 2023 oder beim Blitzeinschlag mit zwei Toten in Unterensingen kurz darauf. Die Helfer sind eben immer da, wenn sie gebraucht werden.

