Dass die 68er-Bewegung nicht nur in Berlin, Frankfurt oder Tübingen Spuren hinterließ, sondern auch in Kirchheim, machte Diplom-Bibliothekarin Renate Schattel bei den „Kirchheimer Stadtgesprächen“ im Mehrgenerationenhaus Linde deutlich. Unter dem Titel „Kirchheim unter Teck in den 1968er-Jahren und die Folgen bis in die 1980er“ zeichnete sie ein vielschichtiges Bild einer Stadt im Wandel.
Kirchheim wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg rasant – von rund 13.300 auf 32.000 Einwohner 1978. Neue Wohngebiete, Industrie- und Gewerbeflächen entstanden, Schulen wurden gebaut, Sportanlagen erweitert. Mit der Erhebung zur Großen Kreisstadt 1956 und der Kreisreform 1973 wurde die Stadt auch administrativ neu positioniert. Nach außen wirkte Kirchheim „beschaulich“ und „heimelig“, doch Schattel betonte: „Ganz so war es tatsächlich nicht.“
Ein prägendes Beispiel für den gesellschaftlichen Wandel war die Gründung des Clubs Bastion 1968. Aus einer Schülergruppe mit Jazzinteresse entwickelte sich ein politisch-kultureller Treffpunkt in den Kasematten unter der Stadt. Unterstützt von engagierten Erwachsenen – darunter Apotheker Ernst-Otto Kröger und Arzt Dr. Jörg Tangl – bot der Verein Raum für Jazz, Lesungen, Diskussionen und neue Ideen. Aufsehen erregten Auftritte von Liedermachern wie Hannes Wader, Reinhard Mey und dem Wiener Aktionisten Otto Muehl, dessen provokante „Materialaktionen“ zu Empörung und zunächst zur Kündigung der Räume führten. Der Club bestand jedoch, wurde bundesweit bekannt und prägte eine neue, kritische Öffentlichkeit in Kirchheim.
Nicht nur Jugendliche forderten Veränderungen. 1972 gründete sich der Arbeitskreis Grundschule, der gegen überfüllte Klassen, schlechte Ausstattung und mangelnde Sportangebote protestierte. Mit öffentlichen Diskussionen und Resolutionen machten die Initiatoren auf die Bildungsmisere aufmerksam – sehr zum Missfallen konservativer Gemeinderatsmitglieder.
Mit der Wählervereinigung „Die Neuen“ trat 1971 erstmals eine alternative Gruppierung zur Gemeinderatswahl an. Ihr Ziel: mehr Transparenz, mehr Bürgernähe und ein Ende der „Geheimniskrämerei“ in nichtöffentlichen Sitzungen. Sie wollten den „Kulturnotstand“ beheben und eine offene Gesellschaft widerspiegeln. Zwei Vertreter zogen in den Gemeinderat ein, später bildeten „Die Neuen“ gemeinsam mit den Grünen eine Fraktionsgemeinschaft. Das Durchschnittsalter der Gruppierung lag bei 35 Jahren – ein bewusster Generationswechsel.

Bürgerengagement prägte die Stadtentwicklung. 1973 entstand die erste Bürgerinitiative „Rettet die Altstadt“, um den Abriss des Spitalviertels für ein Kaufhausprojekt zu verhindern. Durch Unterschriftenaktionen, Informationsveranstaltungen und öffentliche Diskussionen konnte das Projekt gestoppt werden. Historische Gebäude, die damals bedroht waren, prägen die Innenstadt bis heute. Weitere Initiativen setzten sich für die Einrichtung der Fußgängerzone in der Marktstraße ein; 1977 wurde sie eröffnet, später erweitert.
Auch in den 80ern blieb Kirchheim aktiv: 1980 kam es zur ersten Hausbesetzung gegen Abrissprojekte, 1981 zum Protest um den Lohrmannskeller. Umweltengagement zeigte sich bei der Rettung der Lettenseen, die 1979 unter Naturschutz gestellt wurden. Die Friedensbewegung prägte die Stadt ebenfalls: Ostermärsche, Friedenswochen und Initiativen führten 1984 zum Gemeinderatsbeschluss einer atomwaffenfreien Zone im Umkreis von 50 Kilometern.
Die wilden 60er, 70er und 80er waren laut Schattel nicht nur eine Zeit des Aufbruchs, sondern auch des Erkennens: „Wir dürfen uns einmischen.“ Um diese bewegte Zeit zu dokumentieren, wird im Bürgertreff eine Geschichtswerkstatt eingerichtet. Ziel ist es, die Jahre von 1968 bis in die 1980er aufzuarbeiten und bis 2028 – zum 60-jährigen Jubiläum der 68er – ein Erinnerungsprojekt zu gestalten. Interessierte Bürger sind eingeladen, sich zu beteiligen. pm

