Wohin mit einer großen Veranstaltung für mehrere hundert Besucher in Kirchheim? Sowohl die Stadthalle als auch die Jesinger Gemeindehalle sind derzeit wegen Sanierungsarbeiten geschlossen. Oftmals stellt deshalb die Martinskirche die einzige Alternative dar – falls die Platz-Kapazitäten in der Eduard-Mörike-Mehrzweckhalle in Ötlingen oder im Alten Gemeindehaus in Kirchheim nicht ausreichen sollten.
Pfarrer Jochen Maier sagt zu dem Thema: „Auch unabhängig von der Sanierung des Stadthallenfoyers stellen wir eine gestiegene Relevanz der Martinskirche als Konzert- und Veranstaltungsraum für die Stadt fest.“ In einfacheren Worten fasst Dekan Christian Tsalos diesen Satz zusammen: „Die Leute wollen alle in die Martinskirche.“
Veranstalter stehen Schlange
So erfreulich das für die Kirche und deren Verantwortliche zunächst einmal sein mag, so problematisch kann es sich andererseits auswirken. Jochen Maier: „Wir sind natürlich sehr froh, dass der Raum mit seinen vielen Möglichkeiten für Licht und Akustik so gut genutzt wird. Aber das bringt uns auch etwas ins Gedränge.“ Die Veranstalter stehen quasi Schlange, um noch einen Termin zu bekommen, an dem die Kirche gerade frei ist – vor allem auch in den begehrten Tagen vor Weihnachten, wenn alle noch hier sind, bevor sie sich in diverse Urlaube und Ferien verabschieden.
Bezirkskantor Ralf Sach lobt erst einmal aus seiner eigenen Sicht den Kirchenraum, wie er sich seit der Sanierung präsentiert: „Wir haben eine deutlich bessere Akustik, auch dank der Reflexionswände auf der Empore. Die Beschallungsanlage lässt sich sehr gut nutzen, und die unterschiedlichen Beleuchtungsmöglichkeiten kommen auch sehr gut an.“ Für Musik stehe untere anderem der Flügel zur Verfügung, den Tobias Gaiser gestiftet hat. Die Orgel wiederum ist ein Thema für sich. Aber Ralf Sach weiß, wie sehr es das Publikum bereits schätzt, dass sich die Stühle jetzt auch so stellen lassen, dass die Zuhörer Richtung Empore und Orgel blicken können.
Wie trotz der vielen Sonderveranstaltungen in der Kirche trotzdem noch ein „normaler“ Betrieb ermöglicht werden kann, stellt eine Herausforderung für sich dar. Dekan Tsalos spricht außer der Überbelegung an sich noch zwei weitere Punkte an: „Unsere Messnerdienste sind gar nicht ausgelegt auf eine so hohe Belastung. Und dann haben wir es auch mit höheren Heizkosten zu tun. Die müssen wir auf die Nutzer umlegen.“
Was das Heizen betrifft, ergänzt Pfarrer Maier: „Die Martinskirche ist kein Wohnzimmer. Wir müssen sie deutlich kühler halten, weil wir außer der Orgel auch die Kunstwerke in der Kirche schützen müssen.“ Die Maximaltemperatur liege bei 16 Grad Celsius. Aber auch die Luftfeuchtigkeit müsse stimmen: „Sinkt sie zu sehr ab, fällt die Heizung automatisch aus.“
Was das Herrichten der Kirche für den jeweiligen Zweck betrifft, haben die Gruppen, die den Raum nutzen wollen, auch schon eigene Teams gebildet. Stühlerücken wird in diesem Fall schließlich im Wortsinn benötigt – von unzähligen weiteren Vorbereitungen einmal ganz abgesehen.
Jochen Maier sieht die Martinskirche aber nicht ausschließlich unter dem Aspekt eines Konzertsaals: „Es geht generell um den Klangraum, und zwar in einem erweiterten Sinn. In diesem besonderen Raum spielt auch der Klang der Stille eine Rolle. Die Martinskirche ist auch ein wichtiger Raum der Unterbrechung. Menschen kommen her und suchen gerade die Ruhe und die Stille.“
Bei Kunstausstellungen ist das weniger problematisch, weil die normalerweise nicht mit Klängen verbunden sind. Aber gerade die zusätzliche Nutzung als Ausstellungsraum zeigt, wie schwierig es ist, die unterschiedlichsten Interessen zusammenzubringen. Da gibt es beispielsweise seit Abschluss der Sanierung den „Raum der Stille“, in der Seitenkapelle, die lange Jahre als Sakristei genutzt wurde und gar nicht öffentlich zugänglich war. Das ist jetzt wieder vermehrt der Fall: Bei vielen Veranstaltungen wird dieser Raum gebraucht, um Instrumente oder Requisiten zu lagern. Folglich musst der Raum immer wieder geschlossen werden.
Ein Kulturausschuss koordiniert
Um möglichst alle Erwartungen unter einen Hut zu bringen, hat die Kirchengemeinde jetzt einen Kulturausschuss gebildet, der unter anderem die Terminplanung koordiniert. Das Jahresprogramm zu erstellen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Es geht nicht nur darum, Doppelbelegungen zu vermeiden, sondern auch darum, die gewünschte Vielfalt der Angebote zu gewährleisten. Allein die Musikrichtungen und Stile sind völlig unterschiedlich.
„Wir haben aktuell eine florierende Kirchenmusik“, sagt Bezirkskantor Sach. „Gruppen und Kreise entstehen teilweise neu.“ Nächstes Jahr gebe es einen Posaunentag in der Martinskirche, mit Bläserschulungen und Konzerten. Zum klassischen kirchenmusikalischen Angebot geselle sich auch die Popularmusik unter der Leitung von Kilian Haiber. Auch Ralf Sachs Kammerchor habe einen großen Zuwachs zu verzeichnen. „Die große Bandbreite an Musikstilen ist gewollt. Es gibt eben nicht nur einen einzigen Musikstil“, meint der Kantor und spricht von einem generellen Konflikt zwischen unterschiedlichen Erwartungen an kulturelle Standards. „Das betrifft beileibe nicht nur die Musik, sondern auch Lesungen, Tanzveranstaltungen, Theateraufführungen oder Ausstellungen.“
Und dann wäre da noch die langjährige Tradition, etwa die „Musik zur Todesstunde“. 2026 steht an Karfreitag das Mendelssohn-Oratorium „Paulus“ an. Die Orgelmusik zur Marktzeit gehört ebenso zum traditionellen Angebot wie das Volksliedersingen.
Volles Programm bis Anfang Mai
Vor Weihnachten gibt es noch Gospel, die Weihnachtskonzerte der Stadtkapelle, öffentliches Adventsliedersingen, die „Lesung an der Krippe“ und einen Auftritt des Kammerchors. Nach Weihnachten geht es nahtlos weiter: Auch ohne Orgelmusik zur Marktzeit oder Volksliedersingen ist 2026 im Schnitt jeden Monat ein Konzert in der Martinskirche geplant – acht allein von Januar bis Anfang Mai. 2027 könnte das nächste Großprojekt anstehen: die umfassende Sanierung der Orgel in der Martinskirche. Stille wird dann aber trotzdem nicht herrschen. Die Konzerte können unabhängig von dieser Sanierung stattfinden – und dann gibt es da außer dem Flügel noch die Truhenorgel.

